Säubrennerkirmes

Die Wittlicher Säubrennerkirmes ist über die Region hinaus bekannt. Sie findet jährlich am dritten Augustwochenende statt. Tausende von Besuchern strömen aus allen Teilen Deutschlands zu diesem Ereignis.

Kernveranstaltungen der Säubrennerkirmes sind das Festschauspiel, der Festzug
und natürlich der Rummelplatz. Ausgewählte Musikvereine und Bands sorgen für die musikalische Unterhaltung der Gäste, während kulinarische Genüsse an jeder Ecke zu genießen sind.

Die aktuellen Informationen zur Veranstaltung sowie alle Hintergründe finden Sie auf unserer Website zur Säubrennerkirmes unter saeubrenner.wittlich.de

Säubrennerprotokolle

Auch die beliebten Säubrennerprotokolle finden Sie auf der Website der Säubrennerkirmes unter saeubrenner.wittlich.de/geschichte-tradition/protokoll.html.

Von der Spontaneität zur Kontinuität – die Wittlicher „Säubrenner Kirmes“ als Beispiel

VON KLAUS FRECKMAN

Daß das Rheinland eine besonders sinnen- und feierfreudige Region sei, ist möglicherweise eine so populäre und liebgewonnene Meinung, weil sie jedes Jahr neue Nahrung aufgrund einschalthoher Fernsehsendungen über den Kölner und Mainzer Karneval erhält. Manchmal klingt in solchen klischeehaften Beurteilungen auch ein ironischer Vorwurf mit, die Rheinländer seien ständig auf der Suche nach Festanlässen und vergäßen darüber die Arbeit. Ein Gegenbeweis ließe sich vielleicht mit einem Vergleich wirtschaftlicher Daten, etwa von Produktionszahlen anderer Landschaften, führen.

Und daß man auch anderswo ausgiebig zu feiern weiß, dafür gibt es genügend Beispiele: so die Legion der Bierfeste in Altbayern und anderenorts, die Weinfeste in Mainfranken und die Schützenfeste in Westfalen. Oder, um einen weiten räumlichen Bogen zu spannen, sei an das schwäbische Volksfest auf dem „Cannstatter Wasen“ und das Fest der „drögen Hamburger“, den „Dom“, erinnert. Ob sich hiervon, von solchen Festen, eine „rheinische Mentalität“ unterscheidet, ist wohl eine müßige Frage. Feststellungen bestimmter menschlicher Charaktereigenschaften zwischen Nord und Süd oder West und Ost sind entweder sowieso obsolet oder neigen zum Widerspruch. Eine spezielle rheinische Mentalität des Feierns, um bei diesem Beispiel zu bleiben, wäre auch erst dann auszumachen, wenn aus Vergleichsgründen eine überregionale Bestandsaufnahme über dieses Thema vorläge; sie steht allerdings noch aus und wird vermutlich ein Desiderat bleiben.

Was die Forschungssituation indes in den engeren Grenzen des Rheinlandes anbelangt, so ist sie nicht ungünstig. Herbert und Elke Schwedt haben 1984/85 eine umfangreiche Befragung durchgeführt, deren Ergebnisse seit 1989 als „Bräuche zwischen Saar und Sieg. Zum Wandel der Festkultur in Rheinland-Pfalz und im Saarland“ vorliegen . Ein Jahrzehnt vor dieser Initiative hatte die „Rheinische Landesstelle für Volkskunde“ in Bonn (seit 1976 Amt für rheinische Landeskunde) eine ebenfalls weitangelegte Initiative gestartet, um einen „Volksfest-Kalender des Rheinlandes“ zu erarbeiten, also der rheinischen Landschaften innerhalb von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz . Man recherchierte alle möglichen Volksveranstaltungen, die Jahrmärkte, Kirmes- und Schützenfeste, die Festspiele und Umzüge, die Kirchen- oder Wallfahrtsfeste oder die „neuzeitlichen Festivals und Umzüge mit folkloristischer oder historisierender Aufmachung“. Wünschenswert wäre es, wenn diese aus personellen Gründen brachliegenden, zahlreich zurückgeflossenen Fragebögen und auch das reichliche Begleitmaterial an Programm- und Festschriften, Plakaten, Plaketten etc. ausgewertet und ediert würden. Dies vergrößerte das von Herbert und Elke Schwedt untersuchte Gebiet bis weit in den Norden, bis hin an die niederländische Grenze.

In Schwedts Arbeit werden auch die neuen, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Feste vorgestellt, die  mit Städten wie Wittlich, Mayen, Bad Bergzabern, Landau, Wiebelskirchen usw. verbunden sind . Die Gründungsgeschichten und die Entwicklung dieser oft historisierenden Veranstaltungen sind überliefert. Einige sind zu großen Publikumsmagneten geworden; und man könnte glauben, ihre „Väter“ hätten über Erfolgsrezepte verfügt und den späteren Erfolg vorausgesehen. Wie ein solcher Weg verlaufen ist, das läßt sich anhand einiger chronologischer Darstellungen der Wittlicher „Säubrenner-Kirmes“ nachvollziehen, die 1989 und 1992 erschienen sind . Sie sind in der seit 1951 verlegten Kirmesbegleitschrift „Der Säubrenner“ nachzulesen, die sich nach und nach von einem schmalen Heft zu einer ansehnlichen Broschüre auch mit lokalhistorischen Beiträgen gemausert hat .

Der historische Hintergrund und die Entwicklung der Wittlicher Kirmes seien anhand der beiden Aufsätze von 1989 und 1992 sowie der sonstigen „Säubrenner-Hefte“ kurz dargestellt:

- Ursprünglicher Kirmestermin der 25. April, der Festtag von St. Markus, dem Patron der Wittlicher Pfarrkirche.
- Unter dem letzten Trierer Kurfürsten, Clemens Wenzeslaus [sic!], Verlegung aller Kirmessen im gesamten Erzstift auf einen gemeinsamen Tag, nämlich von 1769 an auf St. Martini, den 11. November – Ausdruck eines von der Aufklärung inspirierten Geistes, der sich gegen populäre Veranstaltungen, auch etwa gegen „volksfromme“ Wallfahrten, richtete.
- 1931 Beschluß des Wittlicher Stadtrates, die Kirmes im Sommer zu feiern, am 16. August, dem Festtag des Pest-Heiligen St. Rochus, dessen Statue den Rathausgiebel schmückt und der kurzerhand zum Stadtpatron erhoben wird. Motor dieser Umwidmungsaktion: das Stadtratsmitglied Matthias Joseph Mehs.
- 1939 vorläufiges, kriegsbedingtes Ende der Kirmes.
- 1948 ein neuer Anfang und seit 1950 öffentliche Saubraterei auf dem Marktplatz. M. J. Mehs, Stadtbürgermeister (1948-1953, gest. 1976) machte sich den Spitz- und Necknamen der Wittlicher – „Säubrenner“ – zunutze und kehrte ihn in ein Positivum um. Zwei Erklärungen für diese Bezeichnung: die eine als eventuell historische, auf der Schweinetrift habe man die Tiere mit einem Brandeisen gekennzeichnet; die andere als ätiologische Sage: Anstelle eines Bolzens habe man einst ein Stadttor mit einer Rübe gesichert; die sei dann von einem Schwein aufgefressen worden, so daß der  Feind eindringen konnte. Nach dessen Vertreibung hätten die Wittlicher ihre Schweine zur Strafe durch ein Feuer gejagt. Diese nachlässige und naive Haltung der Säubrenner im Bereich der eigenen Sicherheit provozierte den Spott der Nachbarn. M. J. Mehs machte aus einer derartigen Not eine Tugend und erhob das Debakel zu einem Spektakel, indem er anregte, Schweine am Spieß zu braten, und zwar zehn Tiere an den drei Kirmestagen. So wurde es 1951 im Stadtrat beschlossen; und das sollte von nun an der Kern der hiesigen Kirmes sein.

- Bis in die jüngste Zeit ständige Vergrößerung des Festes mit beispielsweise 1994 mehr als einhundert gebratenen Schweinen; ebenfalls steigender Betrieb auf dem Rummelplatz mit zirka 65 Betreibern spezieller Kirmesgeschäfte und sonstigen „fliegenden“ Händlern.

Wie erklärt sich dieser spektakuläre Erfolg der Säubrenner-Kirmes, eines Festes, das seine Entstehung mehr oder weniger der schöpferischen Phantasie eines Mannes verdankt? Sicherlich hat M. J. Mehs über Jahre die Elemente erdacht und intuitiv erfaßt, die letztlich das Wesentliche dieser Festivität ausmachen. Insofern handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen allmählichen gedanklichen Prozeß, der sich nach außen hin allerdings als Spontaneität geäußert hat. Besitzt die Säubrenner-Kirmes spezielle Charakteristika? Um dies herauszufinden, sollen im folgenden einige Begriffe oder Begriffspaare herangezogen werden, und zwar solche wie Praktikabilität oder die zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten, Fest und Religion, Heimat und lokale Identität, Historismus und Folklore, Verhältnis Gemeinschaft und Individuum, Symbolisches und Ritual sowie die Kontinuität, verstanden als eine Auseinandersetzung der Beharrlichkeit und der Flexibilität im Festgeschehen.

Praktikabilität, örtliche und zeitliche Gegebenheiten

„Feste feiern, wie sie fallen“ – an dieses geflügelte Wort hielt sich aus „vernünftiger“ Sorge um seine Untertanen der Trierer Kurfürst ganz bestimmt nicht, als er den Kirmestermin in eine unwirtliche Zeit  korrigierte. Die zweite Korrektur – in den dreißiger Jahren – hatte genau das Gegenteil im Sinn. Im Sommer läßt sich halt besser, vor allem im Freien, feiern – daher die Terminverschiebung des pragmatisch denkenden M. J. Mehs und seiner Stadtratskollegen. So wurde die zeitliche Gegebenheit zurechtgerückt; die örtliche ergab sich von alleine, nämlich der Marktplatz mit seiner Kulisse zumeist stattlicher Bürgerhäuser und einem Rathaus, auf das „der Wittlicher“ stolz sein kann. Ohne das rechte Datum, ohne einen einladenden Ort läßt sich kaum ein Volksfest veranstalten. Diese Grundvoraussetzungen mußten zusammengebracht werden, was auch gelungen ist.

Fest und Religion

„Feste feiern, wie sie fallen“ – das bedeutet aber auch eine religiöse Gegebenheit zu akzeptieren, wie sie ein Kirchenpatronat mit sich bringt. Im Mittelalter wäre es wahrscheinlich ein Sakrileg gewesen, hätte man einen geweihten Termin verschoben und damit in den Rhythmus der Feste einer Kirchengemeinde eingegriffen . Ein aufgeklärter Landesherr des 18. Jahrhunderts sah dies jedoch nicht so eng, zumal er letztlich den religiösen Gehalt der Kirchweihe nicht antastete. Diesen Nimbus wollten auch die späteren Wittlicher Stadtväter bewahren, indem sie den sakralen Charakter von der Pfarrkirche St. Markus auf den Gott-sei-Dank vorhandenen „Stadtpatron“ St. Rochus übertrugen. So konnte wie altersher „das Wesen, das feiert“ der Verbundenheit von Religion und Fest gewiß sein. Das war auch in der damaligen Zeit, in den frühen fünfziger Jahren, in einer katholisch-konservativ geprägten Landstadt nicht anders vorstellbar. Dieser Zusammenhang einer kommunalen und religiösen Verbundenheit wird äußerlich insofern sichtbar, als man die St. Rochus-Statue im Rathausgiebel mit einem Blumenstrauß schmückt und als die fünfzigjährigen Wittlicher, die zu der Kirmes zusammenkommen, an einem Festkonzert oder eventuell an einem ökumenischen Gottesdienst teilnehmen. Auf dem alten Friedhof legen sie zudem einen Kranz nieder und gedenken der bereits verstorbenen Klassenkameraden. Nur zögerlich erklärte sich allerdings am Anfang der fünfziger Jahre die katholische Geistlichkeit zu einem Hochamt bereit (1953), stand sie doch zunächst der Kirmes skeptisch gegenüber. Zeitweise wurde diese festliche Messe zu Ehren von St. Rochus nicht mehr im offiziellen Programm angekündigt, was von Traditionalisten als ein Zeichen für eine bereits säkularisierte Kirmes beanstandet werden konnte. Diese im Heft „Der Säubrenner“ von 1992 geäußerte Kritik war möglicherweise der Anstoß für eine Revision und Rückbesinnung auf „den christlichen Urgrund der Kirmes“ – ein Anliegen, das M. J. Mehs immer betont hat. Das Festhochamt wird nun wieder im Kirmesprogramm bekanntgegeben.

Heimat und lokale Identität

Der Bürger soll stolz auf seine Heimatstadt sein. „Säubrenner“ darf kein Uznamen  mehr sein, sondern ist als Auszeichnung zu verstehen. Man bekennt sich zu einem Gemeinwesen, das keinen Vergleich mit anderen zu scheuen braucht, das über eine besondere, eine ganz spezielle Geschichte verfügt und ein ebenso eigenes Fest feiert. Die sagenhafte Säubrenner-Erzählung und die sonst nirgends übliche Saubraterei auf einem Marktplatz beweisen das. Hinzu kommt der in und um Wittlich gewachsene Wein – eine zweite Originalität, wenn auch von nicht so hohem Stellenwert wie das Schwein am Spieß. Sicherlich war gerade die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dafür günstig, einen neuen Anlauf mit der Kirmesidee zu unternehmen. Man suchte – vermutlich eher emotional als rational – nach Möglichkeiten, das vielleicht in den Jahren zuvor lädierte Selbstbewußtsein zu stärken – auch das lokale. Nach „sauren Wochen“ wünschte man sich frohe Feste. Ausgehungert, wie man war, hatte man Appetit auf saftigen Schweinebraten. Man wollte fröhlich beisammen sein. Dazu eigneten sich vor allem Stadtfeste, wie sie damals zahlreich gegründet wurden . M. J. Mehs hatte die Wittlicher Kirmes in ihrer neuen Gestalt als ein Heimatfest konzipiert, in dem sich „echtes Wittlichertum“ zeigen sollte – so im „Säubrenner-Heft“ von 1953. Er sah dieses Fest als ein Synonym für den Gemeinschaftsgeist an. Beide seien „Wegezeichen und Unterpfand für Wittlicher Zukunft“. Das Zusammengehörigkeitsgefühl sollte auch nach außen sichtbar werden, indem man sich beispielsweise eine Plakette an das Revers band oder indem die Stadt mit eigens kreierten Fahnen geschmückt wurde.

Allerdings – darauf sei noch hingewiesen – gab es manchmal Schwierigkeiten, die erstrebte lokale Wittlicher Identität auch von den benachbarten Gemeinden anerkennen zu lassen. So bezweifelte man in Kröv an der Mosel – es war in einer Karnevalsveranstaltung um 1954 – die besondere Güte des Wittlicher „Eifel“-Weines und verfaßte einen Liedtext mit nachstehendem Refrain: „Wittlich, Du liegst in der Eifel/Die Mosel gehört uns allein/Als Perle der Eifel kannst Du wohl bestehen/Zur Mosel habt weit Ihr zu gehen.“ Diese Absage, Wittlicher Wein als eine Mosel-Kreszenz anzuerkennen, traf einen empfindlichen Nerv der Kleinstädter. Die Gastronomie strich darauf Kröver Gewächse von ihrer Karte. In einer Weinstube hängte man sogar ein Plakat mit der drastischen Aufforderung auf, Wittlicher Wein zu trinken und auf die bekannteste Kröver Lage zu verzichten: „Trink Wittlicher Bottchen/Piß Kröver Nacktarsch“.

Historismus und Folklore

Die Säubrenner-Kirmes ist ein historisierendes oder historistisches Fest, in dessen Mittelpunkt eine phantasievolle, geschichtlich verbrämte Begebenheit steht. Seit einigen Jahren wird dieses Ereignis mit einem „Säubrennerspiel“ eröffnet. M. J. Mehs hatte 1958 eine Skizze zu einem entsprechenden Drehbuch verfaßt. Altertümlich gewählt ist die Sprache einer „Urkunde“, die im Kirmesprotokollbuch festgehalten ist und die bei der jeweiligen Kirmeseröffnung verlesen wird. Die Säubrenner-Saga wird als eine uralte Geschichte beschworen, die seit „Olims Zeiten“, seit Jahrhunderten in der  mündlichen Überlieferung fortlebt. Auch der in der Kulturgeschichte nicht bewanderte Fremde erkennt leicht, daß Inhalt und Wortschatz nicht unbedingt ernst zu nehmen sind, denn das Ganze wird sozusagen augenzwinkernd vorgetragen. Der Zuhörer versteht, daß man dem Kirmesgeschehen einen historischen Sinn geben muß, für den das historisierende Ambiente herhält. So ist es auch mit der „Urkunde“; sie ist mit den nicht seltenen Weinflaschenetiketten zu vergleichen, die sich mit Darstellungen erfundener Ritter oder Mönche und mit ebenso erfundenen Wappen schmücken. Der Schein lang anhaltender Tradition ist zu wahren, wenn die Freude an der Kirmesinszenierung nicht verloren gehen soll.

Echtheit oder Original? Diese häufig von Volkskundlern oder Kulturwissenschaftlern gestellte Frage bewegt den Teilnehmer an dem Kirmesgeschehen nicht oder kaum. Auch wenn ihm bekannt ist, daß es sich um ein folkloristisches Ereignis handelt, so ist er doch gerne bereit, es als „Kreativität der Volkskultur“ anzuerkennen . Folklorismus wirkt, wie so oft, eher animierend als abschreckend. Als originell akzeptiert man gerne die Idee der Schweinerösterei von M. J. Mehs. Und original oder echt ist die Säubrenner-Kirmes, um ein Beispiel aus der Stilgeschichte heranzuziehen, so sehr oder so wenig wie ein historistisches Möbelstück, das scheinbar barocken oder Renaissancegeist widerspiegelt. Wird der Historismus aber als etwas Eigenes gewertet, wozu man heute eher bereit ist, dann kann man die Wittlicher Kirmes auch als eine festliche Begebenheit schätzen, die sich in den fünfziger Jahren entwickelt hat und dieser Zeit noch verhaftet ist. Es ist ein historisches Fest.

Verhältnis Gemeinschaft und Individuum

Der spiritus rector der Säubrenner-Kirmes, M. J. Mehs, hatte sich ein „wahres Volksfest“ vorgestellt, das nicht nur einen Teil, sondern „das ganze Volk ohne Unterschied des Standes, Alters oder der politischen und religiösen Überzeugung …“ umfasst . Mag hinter diesem Wunsch zunächst noch die Idee eines Heimat- oder Stadtfestes gestanden haben, also einer großen Familienfeier der Einheimischen, so wandelte sich die Kirmes von Jahr zu Jahr immer mehr zu einer Großveranstaltung mit einem auch gewachsenen Organisationsapparat. Wann eine entsprechende Zäsur anzusetzen ist, läßt sich nicht ohne weiteres sagen. Vielleicht ist der Übergang auch zu fließend. Im Gespräch mit Alt-Wittlichern wird jedenfalls öfters früheren Zeiten nachgetrauert, als man die Säubrennerei persönlicher und intimer empfand. Auch flüchten Innenstadtbewohner an den Kirmestagen aus ihrer Stadt. Wie das numerische Verhältnis einer solchen freiwilligen Absenz zu den bewußt an dem Kirmes-Wochenende, dem dritten im Monat August, zu Hause Gebliebenen ist, das ist nicht bekannt.

Es könnte der Eindruck entstehen, vor lauter Gedränge und Geschiebe sei an einer Groß-Kirmes kein Freiraum mehr für das individuell erlebte Fest. Dies wäre ein Fehlschluß, denn die Einzelnen partizipieren, zusammengeschlossen zu kleinen Gruppen, an dem Festgeschehen. Man verabredet sich an dem einen oder anderen Weinstand, der von befreundeten Winzern betrieben wird. Es sind, was die Personen angeht, nicht immer feste Allianzen, die vorherrschen; ihre Zusammensetzung schwankt, wenn man etwa zu einem anderen Ausschank wandert. Hier verliert in der Tat „das Individuum ein Stück seiner Autonomie“, indem es in der Gruppe aufgeht. Dieses Gemeinschaftserlebnis ist vermutlich das vereinigende Band, das einem derartigen Fest einen hohen Stellenwert als ein Ereignis unter Freunden verleiht. Dabei ändern sich die Tage der Verabredung oder auch des Standortes: Einmal bevorzugt man am ehesten den  Montagabend als einen Treff mit Bekannten – dann wieder sind die Einheimischen eher unter sich; an der nächsten Kirmes kann es ein anderer Abend sein. Oder man begeistert sich, aus welchen Gründen auch immer, für die eine Weinschänke und zieht am Tag darauf wieder eine andere vor. Und dies geht häufig gruppenweise.

Dieses lockere, gesellige Beisammensein auf dem Marktplatz und in der Weinstraße gibt auch dem Ortsfremden oder dem gerade Zugezogenen die Gelegenheit zu einem Plausch und wirkt somit durchaus integrationsfördernd. Persönliche Barrieren können in einer solchen Atmosphäre, die dem spontanen Kontakt und dem Gespräch förderlich sind, leicht beiseite geräumt werden.

Daneben gibt es aber auch die institutionalisierte, die organisierte Gemeinschaft, wie sie besonders von Vereinen gepflegt wird. Ihre Mitglieder haben oft einen bestimmten Weinstand als ihre Bleibe an den Kirmestagen erkoren. Von fest umrissener Kontur ist das Treffen der Fünfzigjährigen, die sich seit 1953 zur Kirmes einfinden. Man ist zusammen eingeschult worden und nimmt zum Teil eine weite Anreise in Kauf, um gemeinschaftlich den alten Schulzeiten nachzugehen. Diese fest in das Kirmesgeschehen eingebundenen ehemaligen Klassenfreunde stehen für eine Gruppenpräsenz, die zumindest nach außen von Einigkeit und Gemeinsinn getragen wird und eine Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt zeigt.

Symbolisches und Ritual

Nach der Vorstellung des Gründungsvaters ist die Säubrenner-Kirmes ein Sinnbild für das Bürgertum einer kleinen Stadt und für ihre interne Einigkeit. Diese Botschaft gilt es durch viele gemeinschaftliche Aktionen augenscheinlich zu machen. Daher der Wunsch nach Illumination des Marktplatzes, nach Fahnenschmuck oder nach Festplaketten. Den Geist der Harmonie bekundete auch das öffentliche Tanzvergnügen auf dem Marktplatz, das in den ersten Jahren üblich war, vor längerem aber wegen der großen  Publikumsfrequenz eingestellt werden musste. Zentrum der Kirmes ist nach wie vor die öffentliche Saubraterei, die zusammen mit dem einheimischen Wein die Lust an Gaumenfreuden belegt. Dies Ganze ist Ausdruck für eine vitale Bürgerschaft, die ihren alten Spottnamen in ein Ehrenzeichen umgewandelt hat. So konnte auch M. J. Mehs dichten: „Es wird Saubraten am Spieß geben!/Dem Ausdruck ‚Säubrenner‘/soll saftigste/mundtriefende Erfüllung werden!“ . Die Kirmes mit der Braterei also als ein Symbol für eine aufstrebende Kleinstadt, die Kraft aus ihrer Lokalgeschichte schöpft und die Augen nach vorne richtet.

Bei aller spontanen Lebensfreude, welche die Kirmes widerspiegeln soll, unterliegt sie doch festen Regeln, die das Fest steuern. Diese Riten haben ihrerseits wieder einen symbolischen Gehalt, wie beispielsweise die freitags, zur Kirmeseröffnung, aufgeführte „Stadtbelagerung“, mit der die sagenhafte Säubrenner-Mär zu ihrem Recht kommt. Das Theaterstück ist sozusagen der Fingerzeig auf das hohe Alter dieser besonderen Stadtgeschichte. Ein Ritual ist auch der Festzug am Samstagnachmittag, wenn der Stadtrat unter Begleitung von Fanfaren, Abordnungen von Vereinen und Delegationen der Partnerstädte die ersten Säue einholt. In diesem Zug gehen die Fünfzigjährigen mit und demonstrieren auf diese Weise alt und jung, daß auch die einst Weggezogenen ihre Heimatstadt nicht vergessen haben und von ihr ebenfalls nicht vergessen werden. Der Zug trifft anschließend auf dem Marktplatz ein, der Bürgermeister verliest das Kirmesprotokoll des Jahres zuvor und bekundet dem versammelten Stadtrat sowie dem Publikum, daß es sich um einen wichtigen historischen Akt handelt.

Kontinuität

Die Wehmut am Ende des Festes wird dann gemildert, wenn man weiß, daß es sich in einem bestimmten Rhythmus wiederholt. Diese Kontinuität trifft auf die Wittlicher Kirmes seit über vier Jahrzehnten zu. Vermutlich hängt ein solcher Erfolg mit einer Ausgewogenheit von Beharrlichkeit und Flexibilität zusammen. Auf der einen Seite hat man an dem Kern des Festgeschehens, der „Säubrennerei“, festgehalten, wie sie in den frühen fünfziger Jahren konzipiert worden ist. Man ist sogar noch „historischer“ geworden, indem man die „Stadtbelagerung“ und ein Festspiel auf dem Vorplatz der alten Kirche der eigentlichen Kirmes vorangestellt hat. Auf der anderen Seite hat man auch keine Angst davor, neue Elemente in das Programm einzufügen, etwa einen Handwerkermarkt. Eine solche allerorts in den letzten Jahren beliebte Festvariante bringt mehr Aktivität oder Dynamik in eine eher statisch ausgerichtete Kirmes. Außerdem ist man in Wittlich „modern“ geblieben; denn man lauscht nicht nur der Harmonie von Chören und den Instrumenten traditioneller Musikvereine, sondern man hat auch ein offenes Ohr für Bands jüngster Musikrichtungen. Das ist die Gewähr für ein Publikum, das einer solchen Festivität auch Frische verleiht.

Schluß

Ich habe versucht, das Phänomen Wittlicher Säubrenner-Kirmes mit Hilfe von sich ergänzenden oder konträren Begriffspaaren auszuleuchten. Man hätte hierfür auch andere Termini heranziehen können, wie es sich sehr überzeugend in Hermann Bausingers Aufsatz nachlesen läßt: „‘Ein Abwerfen der großen Lust …‘ Gedanken zur städtischen Festkultur“ . Dort ist auch von der Geborgenheit die Rede, welche die Feiernden empfinden, wenn sie in die Menge oder gar in die Masse eintauchen, die erst ein Volksfest ausmacht – ein schönes Wort für das schon genannte Gemeinschaftserlebnis. Das ist so auch mitentscheidend für den großen Erfolg der Wittlicher Kirmes. Einige weitere Gründe habe ich angeführt, die für den hohen Popularitätsgrad dieses einst rein lokalen Festes verantwortlich sind. Wer sich all dieses an seine Fahnen heften könnte, das wäre der damalige Bürgermeister M. J. Mehs, dessen Anliegen es war, nach der deprimierenden Zeit von 1933 bis 1945 ein demokratisches Fest zu feiern; mit ihm können sich freie Bürger identifizieren. Es ist eine Veranstaltung mit vielen Zügen, die sich aus dem Kontext der fünfziger Jahre erklären. So wie man mittlerweile das Design dieser Nachkriegszeit anerkennt, so sollte man auch deren Festformen verstehen. Wenn volkskundliche Puristen der Säubrenner-Kirmes vorwerfen, sie sei wegen ihres Folklorismus kein wahres Volksfest – Was ist das überhaupt? – , so läßt sich dagegenhalten: Erkannter Folklorismus ist harmlos, weil er nämlich aus dem Dunstkreis der Geschichtsklitterung herausgetreten ist.

Die Säubrenner-Kirmes ist der exemplarische Beleg für die Entwicklung eines Festes, das eine Person ersonnen und das sich dann spontan in der Öffentlichkeit präsentiert hat und bis heute wie ein Perpetuum mobile anhält. Dies ist offenbar kein Einzelfall, wenn man sich die vielen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kreierten Feste vor Augen führt. Das genannte, vom Bonner Amt für rheinische Landeskunde gesammelte Material hierüber bietet für eine volkskundliche Studie der rheinischen Verhältnisse eine wahre Fundgrube. Den Schatz gilt es noch zu heben. Festen dieser Art wünsche ich, ebenso wie den älteren Formen, eine weitere Kontinuität – ganz nach dem Wort von Hermann Bausinger: „Feste erhalten ihren Sinn nicht dadurch, daß sie schon früher gefeiert wurden, sondern dadurch, daß sie bewahrt werden für künftige Zeiten“ .

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