Tabakanbau

Tabakanbau am Neuerburger Kopf

Wer seine Urlaubstage nicht in südlichen Ländern verbringen will, sondern es vorzieht, die vieltausendfachen Schönheiten deutscher Lande zu genießen, kommt an einem Besuch der reizvollen Region Eifel-Mosel-Hunsrück und damit zwangsläufig an einem Aufenthalt in der einladenden Kreisstadt Wittlich nicht vorbei.

Erstaunt entdeckt oft der fremde Besucher bei seiner Fahrt durch das Wittlicher Tal eine Feldkultur und besondere Bauten, die er bisher noch nicht kannte oder die er in dieser Gegend nicht vermutet hat: rosablühende Tabakfelder und hoch in die Landschaft aufragende Tabaktrockenschuppen.

Wieso, fragt er sich, findet man diese Besonderheiten nur hier in Wittlich und sonst nirgends im weiten Umkreis?

Drei Gründe gibt es für diese Tatsache: 1.das günstige Sonderklima des Wittlicher Tales mit seiner für diese Höhenlage sonst nicht üblichen Jahresdurchschnittstemperatur von 8,7 ° C,
2.besonders günstige Voraussetzungen des Bodens, der als Rotliegendschichten eine vom Tabak bevorzugte sandig-lehmige Eigenschaft besitzt und beste Brennfähigkeit des dort gewachsenen Tabaks garantiert und,
3.die kleine Betriebsstruktur, welche seit der Zeit der Realteilung in der hiesigen Gegend vorherrscht.
Lang ist die Geschichte des Wittlicher Tabaks.

Das genaue Datum, wann das "Teufelskraut" - so wurde der Tabak anfänglich genannt - zum ersten Mal in Wittlich angebaut wurde, ist nicht zu ermitteln. Man kann davon ausgehen, daß er 1750 hier schon heimisch war, denn bereits 1747 wird in einem Schriftstück erwähnt, daß sich "Tabakspinner innerhalb des Stadtgebietes von Wittlich befinden".

Das Tabakgebiet Wittlich gehörte früher zum Tabakgebiet Rheinland, welches von Kleve bis nach Sobernheim an der Nahe reichte und in dem bereits 1827 2740 Morgen Tabak angepflanzt wurden. Nur die jetzt noch für die Organisation der Wittlicher Tabakpflanzer gültige Bezeichnung "Landesverband der Tabakbauvereine Rheinland-Wittlich" erinnert an das einstige zweitgrößte Tabakanbaugebiet Deutschlands, von dem lediglich im Raume Wittlich die Tabakkultur bis zum heutigen Tag Bestand hat. In einer Aufzeichnung im Landeshauptarchiv in Koblenz aus dem Jahre 1820 ist bereits zu lesen: "... ist die Tabakkultur ein sehr einträgliches Geschäft, trotz des hohen Arbeitsaufwandes und der teuren Arbeitslöhne". So wie es in diesen frühen Jahren war, so ist es in etwa heute noch. Wer im Tabakbau ein gutes Einkommen erzielen will, muss bereit sein, viele Arbeitsstunden zu investieren.

So wurde früher Tabak gepflanzt:

Schon im Februar, oft war noch nicht der letzte Schnee von der wärmer werdenden Sonne aufgeleckt, begannen die Pflanzer mit dem Herrichten der "Treibkutsche". Alte Erde wurde ausgeräumt und mit Stallmist und einer Schicht Humus ein warmes Saatbett für die neue Tabakanzucht geschaffen. Wenn der 20. März im Kalender angezeigt war, wurde es Zeit, die feinkörnige Saat - für 1 ha Tabak werden 7 g (!) Samen benötigt - dem Boden anzuvertrauen. Schon nach ca. einer Woche zeigten sich in den mit Glasscheiben abgedeckten Treibkutschen die ersten Sämlinge, welche bis Ende April bei guter Pflege - lüften, bewässern, abdecken - eine Größe von 1 - 2 cm erreichten. Jetzt war Geduldsarbeit mit Fingerspitzengefühl gefragt, weshalb diese Arbeit überwiegend von Frauen und Mädchen erledigt wurden. Die jungen Pflänzchen mussten einzeln pikiert werden, damit sie sich bis zum Pflanztermin Mitte Mai kräftig entwickelten.

Nach dem Auspflanzen waren ein- bis zweimal Hacken, Häufeln, Köpfen und Geizen die folgenden Arbeitsgänge. Je nach Jahrgang konnten dann ab Mitte Juli die untersten Blätter an der Tabakpflanze, die Grumpen, geerntet werden. Müde von der immer in tiefgebückter Haltung durchgeführten Erntearbeit musste anschließend bis in die tiefen Abendstunden zu Hause der zweite Arbeitsgang der Ernte erledigt werden, das Einfädeln. Blatt für Blatt wurde mit einer Nadel an der Rippe durchstochen und auf Schnüre gereiht, welche anschließend in oft akrobatischen Leistungen bis hoch in den First der Tabakschuppen zum Trocknen aufgehangen wurden. Einschließlich der dann noch erforderlichen Arbeitsgänge nach der Auftrocknung des Tabaks - Abhängen, Einfädeln, Sortieren, Buscheln und Verkauf an der Waage - hatte ein Pflanzer damals ca. 5.000 Arbeitsstunden für 1 ha Tabak aufzuwenden. Übertragen auf eine heute oftmals praktizierte 35-Stunden-Woche hätte also ein Pflanzer, wenn er von Januar bis Dezember im Tabak gearbeitet hätte, nur eine Anbaufläche von 0,36 ha bewältigen können.

Schon lange wäre unter solchen Bedingungen auch im Raume Wittlich der Tabak eine ausgestorbene Kultur, hätten die hiesigen Pflanzer nicht konsequent auf moderne Anbaumethoden umgestellt.

Die kleinen Treibkutschen wurden durch weiträumige Folienhäuser ersetzt, in denen genügend Jungpflanzen für großflächigen Anbau ohne arbeitsaufwendige Pikierarbeit heranwachsen, die Einrichtung von Arbeitsgassen ermöglicht eine leichtere und schnellere Erledigung der Erntearbeit sowie den Einsatz von Erntemaschinen; 1969 wurden die ersten Einfädelmaschinen angeschafft, die wenig später durch noch leistungsfähigere Einnähmaschinen ersetzt wurden. Die heute gebräuchlichste Methode ist die Ernte mit dem Ernteband. Hierbei wird ein auf einem Schlepper montiertes Förderband über die Tabakpflanzen bewegt, auf welches die Pflücker die jeweils geernteten Blätter ablegen. Das Förderband führt das Erntegut zu einer angebauten Einnähmaschine, wo es zu fertigen Schnüren eingenäht wird.

Große Anbauflächen, wie sie heute üblich sind, benötigen jedoch noch leistungsfähigere Maschinen. So arbeiten zur Zeit im Bezirk Wittlich 4 Tabakvollerntemaschinen, bei denen die Pflücker die reifen Tabakblätter im Sitzen ernten können, während sie durch die Pflanzreihen gefahren werden.

Weitere Neuerungen, wie die Vermarktung in sogenannten Bauernballen statt in Buscheln, Aufhängen des Tabaks in arbeitssparenden 3 m hohen Folienschuppen, Pflanzen mit rnehrreihigen Pflanzmaschinen u.a. haben dazu geführt, dass der frühere hohe Arbeitsaufwand um fast 80 % gesenkt werden konnte.

Trotz dieses erfreulichen Fortschritts ging die Anzahl der Tabakpflanzer zwar weiter zurück, die verbliebenen Tabaker aber bewirtschaften eine immer größere Fläche, ein Zeichen der seit jeher unterschiedlichen Beliebtheit dieser Kulturpflanze.

So wurde im Jahr 1820 im Raume Wittlich auf einer Fläche von über 100 ha Tabak angebaut. 1850 hatten 660 Betriebe im Wittlicher Raum Tabak gepflanzt. 1926 dagegen wuchs die ehemals beliebte Kultur nur noch auf 8,02 ha und 1968 war mit einer Anbaufläche von nur mehr 6,3 ha der absolute Tiefstand erreicht. 1970, nach Abschluss von Anbau- und Lieferverträgen mit festen Preisen, pflanzten 21 Tabaker insgesamt wieder 14,03 ha mit Tabak, was einer Fläche von 0,66 ha je Tabakbaubetrieb entsprach. Heute sind es zwar nur mehr 8 Pflanzer, die sich der Tabakproduktion verschrieben haben, aber diese wenigen Pflanzer bewirtschaften wieder eine Tabakfläche von insgesamt 55,8 ha, das sind 9,3 ha je Betrieb Tabak. Hinter Schleswig-Holstein haben somit die Wittlicher Tabakpflanzer die zweitgrößte Tabakfläche je Betrieb in Deutschland.

Wesentlichen Anteil an dem erneuten Aufschwung hat die 1985 erstmals angebaute helle Tabaksorte Virgin. Dieser Tabak wird nicht in Tabakschuppen, sondern in besonderen Öfen innerhalb 6 - 7 Tagen aufgetrocknet. Über die Hälfte der Wittlicher Tabakfläche wird inzwischen mit dieser weniger arbeitsaufwendigen Sorte bestellt, die ausschließlich zur Zigarettenherstellung verwandt wird. Für 103.600 kg abgelieferten Tabak, der für seine hervorragende Qualität bei der Vertragsfirma besonders geschätzt ist, konnten die 6 Tabakpflanzer im Jahre 1996 den verdienten Lohn für viel Mühe und Arbeit erhalten.

Nicht immer wurde der Wittlicher Tabak zu Zigaretten verarbeitet, denn das Zigarettenrauchen kam erst ab 1910-20, von Rußland, der Türkei und Ägypten ausgehend, in Deutschland in Mode.

Nachdem Wittlicher Tabak in den frühen Anfängen vorwiegend zu Schnupftabak und Priem verarbeitet worden war, erwarb er sich ab der Hälfte des vorigen Jahrhunderts einen besonderen Ruf als "Wittlicher Strang". Besonders im Saarland erfreute dieser Tabak sich großer Beliebtheit, da er dort eine Doppelfunktion erfüllte. Waren die Kumpels in den Kohlegruben bei der Arbeit unter Tage, nutzten sie ein abgeschnittenes Stück Strang, wegen des Rauchverbotes, als Priem. War der Feierabend gekommen, wurde vom gleichen Strang eine passende Ration in feine Streifen geschnitten und in Ruhe ein Pfeifchen gepafft. Strangtabak wurde zunächst von den Bauern selbst, später von spezialisierten Tabakspinnern hergestellt. Dabei bediente man sich eines Spinntisches, an dessen einem Ende sich eine Haspel befand. Hiermit wurde der Tabak zu langen, tauartigen Strängen zusammengedreht oder gesponnen. Eine dem Strangtabak ähnliche Form war der Karottentabak. Seinen Namen verdankte er der bei der Verarbeitung entstandenen Form ähnlich einer Rübe oder Karotte. Die Herstellung dieses für die Schnupftabakproduktion bestimmten Tabakproduktes verlangte bestimmte Vorarbeiten. So wurden zunächst die Tabakblätter in einer besonders angerichteten Brühe aufgeweicht, um sie in Gärung zu bringen. Die noch nassen Blätter wurden dann fest zusammengepresst, in ein Leinentuch gelegt und mit einem Seil so eingeschnürt, dass ein spindelförmiger Körper entstand. Nur in dieser Form nahm nämlich die Schnupftabakindustrie den Tabak ab, den sie dann in Tabakmühlen zu Pulver zerreiben konnte.

Als der Genuss der Zigarre statt dem "Pfeife paffen" zunahm, stellten auch die Wittlicher Tabakpflanzer auf die Produktion von "Zigarrengut" um. Mit der damaligen Neuzüchtung "Bad Geudertheimer" war eine Sorte gefunden, die sich hervorragend für die Produktion von Umblatt und Deckblatt eignete. Erst als die Tabakpreise durch die hohe Kostenbelastung der Industrie bei der in Handarbeit hergestellten Zigarre ins Bodenlose absackten, verkauften die Wittlicher Pflanzer ab 1967 ihren mit viel Mühe und Arbeit erzeugten Tabak an die Zigarettenindustrie.

Auch die heute wieder heftig geführte Diskussion um die Gesundheitsschädigung des Tabaks ist so alt wie der Tabakgebrauch selbst. Das in früheren Jahren denen beim Rauchen angetroffenen Personen angedrohte Strafregister reichte von "Dunkelhaft" über "Naseabschneiden" bis zur Todesstrafe. Mit all diesen Maßnahmen jedoch konnte nicht erreicht werden, dass das Tabakrauchen bei einer großen Zahl der gesamten Weltbevölkerung immer noch als echter Genuss gilt.

Ob bei der Suche des Einzelnen nach der richtigen Einstellung zum Rauchen - so lange es Genuss ist und nicht Laster wird - folgender kleine Vers behilflich sein kann?:


"DenTabak und die Reben
hat der Herrgott uns gegeben.
Wenn wir weise sie gebrauchen,                                                             dürfen wir trinken und auch rauchen."

 

 

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