Türmchen

Klaus Freckmann

Wittlich - seit 1291 Stadt - erhielt Anfang des 14. Jahrhunderts seinen Mauerring, der heute allerdings nur mehr spurenweise erhalten ist. Mehrmals zerstört  und wiederaufgebaut - 1689 im Zuge der Reunionskriege, während der Stadtbrände im 18. Jahrhundert -, diente die Stadtmauer dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung bis Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts. In der frühen preußischen Zeit wurde der Befestigungsring kaum mehr instandgesetzt. Da die Stadttore der Ausdehnung des Ortes hinderlich waren, legte man sie nach und nach nieder - so zwischen 1825 und 1828 das Trierer Tor und 1824 das Himmeroder Tor. Übrig blieb - und das auch nur teilweise - das Burgtor, das einst den Stadtzugang von Richtung Neuerburg beschirmte.

Über die Gestalt der Stadttore geben eine Katasterzeichnung von 1759, einige Stadtansichten aus der Mitte oder zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und eine auf diesen Unterlagen basierende Rekonstruktion des Stadtplanes (von Claus Mehs) Auskunft. Demnach handelte es sich um Doppelturmtore, bestehend aus einem Mittelbau mit Tor und flankierenden Türmen. Als ein Rest solcher seitlichen Türme ist das heutige Burgtor oder Türmchen anzusehen, - einst ein westlicher Flankenturm.

Der Bau mit einem fast quadratischen Grundriß von ca. 5 x 5m gliedert sich in drei Wohnebenen. Das Dach ist als eine geschweifte Haube gebildet, deren Grate in einem Knauf auslaufen. Beherrschend wirkt der mächtige, gedrungene Kamin. Als Baumaterial ist Bruchstein verwendet, der überputzt ist. Die Fenster und der Haustürrahmen weisen mit ihren geraden Gewänden auf das späte 18. oder frühe 19. Jahrhundert. Ein Schauloch in der Gestalt eines Löwenkopfes - angebracht an der Feldseite - gehört offensichtlich einer älteren, wohl mittelalterlichen Bauperiode an. Dieser Kopf - aufgefasst als eine Maske oder Fratze - steht in der Tradition der abweisenden Häupter von Ungeheuern, Gorgonen oder Sphinxen - wie von Kölner und Trierer Bauten bekannt.

Bei der inneren Gliederung des Gebäudes ist auf den niedrigen Keller mit Balkendecke hinzuweisen. Sicherlich entstammt sie nicht mittelalterlichen Bauphasen, sondern der Zeit des Aus- und Wiederaufbauens im 18. Jahrhundert. Das Parterre besteht aus einem Wohnraum und einem sich winkelartig verbreiternden Flur mit der ehemals offenen Feuerstelle. Es ist fraglich, ob diese Aufteilung noch auf mittelalterliche Vorstellung zurückzuführen ist oder ob nicht vielmehr die Betonung des Wohncharakters mit der Anlage der Flurküche einer späteren Zeit entspricht, als das Türmchen - etwa im 18. Jahrhundert - schon weniger als eine Wehranlage, sondern als ein (städtisches) Wohnhaus angesehen und genutzt wurde.

Die vielen Kriege und Zerstörungen, denen Wittlich im 17. und 18. Jahrhundert ausgesetzt war, machen es unwahrscheinlich, dass das Türmchen oder das Stadttor am Burgberg unbeschadet die Zeiten überstanden hat. So wie der Mauerrücksprung oberhalb der zweiten Wohnebene  - gut sichtbar an der Feldseite -, die geschweifte Haube und die für einen Wehrbau zu großen rechteckigen Fenster Eingriffe in die ursprüngliche Bausubstanz ankündigen, so scheint auch die innere Aufteilung im 18. Jahrhundert weitgehend verändert worden sein.

 

 

 

Nach oben