Zahn - Das Rathaus im neuen farbigen Gewand

Das Rathaus in Wittlich im neuen farbigen Gewand

Eberhard Zahn

Der Marktplatz in Wittlich gehört heute noch zu den wenigen geschlossenen Marktplätzen unserer Heimat. Schöne Häuser, meist aus dem späten 17. Jahrhundert und aus der Barockzeit stammend, säumen den Platz, darunter eines der stattlichsten Barockhäuser weit und breit, die Posthalterei von 1753, und vor allem das Rathaus von 1652 mit der interessanten Fassade im Stil der deutschen Spätrenaissance. Rathaus und die historische Fassade wurden im vergangenen Jahr im Zuge der von der Stadtverwaltung angestrebten und geförderten farbigen Gestaltung des Altstadtbereiches erneuert. Gerade Wittlich hat seit einigen Jahren eine auch in Fachkreisen anerkannte Initiative zu einer harmonischen Farbgestaltung älterer Straßenzüge und Plätze ergriffen und dabei auch die historischen Gegebenheiten berücksichtigt. Bei der Restaurierung der historischen Fassade des Rathauses, der Giebelseite, war eine genaue, wissenschaftlich fundierte Farbgebung das Gebot der Stunde, denn eine so kompliziert aufgebaute Schaufassade, der Stolz der Stadt Wittlich, verlangt eine dieser Architektur angemessene und dem Urzustand nahekommende farbige Fassung.

Erbaut wurde das Wittlicher Rathaus nach dem großen Stadtbrand von 1647, der Brand entstand durch eine Explosion einer Pulvermühle am Tiergarten und vernichtete alle Monumentalbauten, auch das Schloß, und zwei Drittel der Bürgerhäuser. Der Baubeginn dürfte in den Anfang der fünfziger Jahre fallen, vielleicht erst ins Jahr 1652, als Kurfürst Carl Casper von der Leyen an die Regierung kam. Das neu erbaute Rathaus brannte bei der Zerstörung der Stadt durch den französischen General Boufflers erneut ab und wurde gegen 1700 wiederhergestellt, wobei anstelle des Renaissancegiebels der heutige geschwungene Giebel mit der Rochusfigur entstand. Nach einem weiteren Stadtbrand im Jahr 1707 mußte das Rathaus repariert werden. 1922 erweiterte der Kreisbaurat Vienken das Gebäude, er schloß sich bei seinem Erweiterungsbau an die Proportionen und die barocken Dachformen des Altbaus an, so daß eine ansprechende geschlossene Baugruppe entstand. Danach, vielleicht auch erst in den dreißiger Jahren, wurde die Renaissancefassade von dem Trierer Maler Fritz Quant sorgfältig farbig gefaßt, wobei Quant noch Reste der originalen Farbgebung gefunden und berücksichtigt haben muss.

Für die geplante Neufassung des Rathauses galt es, eine möglichst genaue Farbgebung zu entwerfen, die der originalen Fassung entsprechen könnte, es  mußten also alle modernen Geschmacksfragen oder Anstrichgewohnheiten zurücktreten, die alte Architektur aber abgefragt werden nach ihrem architektonischen Wesen und gestalterischen Gesetzen. Wenn man eine solche Analyse, verbunden mit einer Untersuchung der Fassade vom Gerüst aus, nicht gemacht hätte, dann hätte ein Mischmasch von alten interessanten Formen und modernem Farbgeschmack entstehen können, der die beachtliche Spätrenaissance-Architektur nur verunklärt hätte. Erfreulicherweise haben hierbei Stadtverwaltung und die Ausschüsse „mitgezogen“. Das Rathaus erinnert jetzt in seiner farbigen Munterkeit an die bunte gestalterische Vielfalt früherer Zeiten und weist auf die Bedeutung des Hauses als den Sitz der Stadtverwaltung hin; gerade letzteres war den Bürgern früherer Zeiten ungemein wichtig.

Die Architektur der Rathausfassade verkörpert die Spätstufe der deutschen Renaissance, in der die Architektur von allen möglichen, eigentlich unarchitektonischen Ideen beeinflußt und bestimmt wird. Wir müssen uns ursprünglich unten eine offene Halle mit Pfeilern vorstellen, die mit Halbsäulen auf Sockeln gegliedert sind. Wir entdecken zwei Schichten, die tragenden Pfeiler mit den Wandflächen darüber, also den Mauergrund, und dann ein tektonisches schmuckreiches Gerüst davor. Dieses fast zierliche Gerüst vor dem Mauergrund ist mit Dekorationselementen belegt, die aus ganz anderen Bereichen stammen, aus dem Goldschmiedehandwerk und aus der Möbelkunst. Schon am Sockel entdeckt man „Beschlagwerk“, d. h. ein metallenes Gitterwerk, das eigentlich auf Holz aufgesetzt oder aufgeschraubt ist, aber nur in der Erscheinung, denn in Wirklichkeit ist ja alles in Stein gehauen. Daß ein solcher Unterschied in Farbe abgesetzt war und jetzt auch wieder abgesetzt werden mußte, leuchtet ein. Ferner entdeckt man voller Staunen Edelsteinfassungen, bereits schon am Sockel, noch mehr aber an dem Fries über den Bögen und an den Sockeln der fünf kleinen Säulen oben. Wir wissen aus zahlreichen anderen Beispielen, daß die Edelsteine bunt herausleuchteten aus einem ebenfalls aus wertvollem Stein bestehenden Fries, der mit Farbe vorgetäuscht wird. Hier in Wittlich soll es wertvoller grüner Prophyr sein wie auch alle Säulen, die unten noch dazu in kostbaren Metalltüllen sitzen, aber alles ist aus dem gleichen Stein gehauen! Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, daß der Sandstein das Maß aller architektonischen Dinge sei, nein, die Farbe war es, und sie muß es bei wertvollen historischen Bauten auch wieder sein! Steine aller Arten, Metalle, Edelsteine, alles entsteht erst durch die Farbe. Gerade das Zeitalter um 1650 liebte den goldschmiedehaften Charakter der Fassade, die in bunten Farben prangte und Heiterkeit ausstrahlte. Dazu gehört natürlich auch die Vergoldung, die um 1652 trotz der Notzeit und auch bei der Quant’schen Fassung um 1930 herum stärker war als heute. Aber sie ist heute raffiniert als Glanzlichter aufgebracht, so daß oftmals die Illusion entsteht, es sei weit mehr vergoldet! Glücklicherweise sind wir heute wieder überall auf diesem positiven Weg und wenden uns ab von der eintönigen Farblosigkeit unserer Straßenbilder, von der undifferenzierten Anstreicherei unserer Häuser. Architektur eines wertvollen Bauwerks wie des Wittlicher Rathauses oder der anderen Häuser am Markt will abgelesen und erlebt sein, und die Farbe ist das Mittel, dieses architektonische Leben wirksam und schaubar werden zu lassen.

Bei der Neufassung der Fassade mußten alle früheren Schichten abgenommen werden, denn sonst hält die moderne Mineralfarbe nicht. Es ist erfreulich, daß der einheimische Malermeister Franz Ambrosius-Kaut diese ungewöhnliche Neufassung durchführen konnte. Man bedenke immer, daß man in einem solchen Fall „Anstreichen“ vom „Fassen“ trennen muß, so wie es auch die Alten getan haben. Dank der Mineralfarben, die bereits jetzt erfreulich gut mineralisiert und leicht patiniert sind, erscheinen die Fassaden, auch die des neuen Teils, lebendig und sind nicht totgestrichen. Die Stadt Wittlich wird für einen größeren zeitlichen Abstand keinen neuen Anstrich mehr durchführen müssen. Auch das wußten die Alten – wir können es in den Urkunden immer wieder lesen – , daß der Farbanstrich und die Fassung zugleich Schutz des Sandsteines vor Verwitterung darstellen. Freuen wir uns an dem schönen Wittlicher Rathaus und seien wir der Stadtverwaltung für ihre Initiative und ihrem guten Willen dankbar. Für den Fremden lohnt es sich schon, nach Wittlich zu fahren!

 

 

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