Jüdisches Leben in Wittlich

Ausgehend von den Häusern, Plätzen und kulturellen Zentren der einst blühenden Jüdischen Gemeinde soll dem Besucher die Möglichkeit gegeben werden, der verschwundenen jüdischen Kultur wieder zu begegnen.

Die Synagoge war das geistige Zentrum der Jüdischen Gemeinde. In der Ausstellung wird neben der Geschichte der Synagoge und ihrer Funktion, auch auf den gemeinsamen jüdischen und christlichen Ursprung und den kirchlichen Antijudaismus Bezug genommen. Neben anderen wichtigen Exponaten wird das Fragment einer Torarolle gezeigt, das vor wenigen Jahren bei Umbauarbeiten in der Tiergartenstraße 26 entdeckt wurde.

Auf dem Jüdischen Friedhof stehen die ältesten Wittlicher Grabsteine(1671/72). Die große Bedeutung, die der Friedhof für die jüdische Kultur hat, wird erläutert. Die jahrhundertealten Steine sprechen durch ihre Form und Symbolik. Mit Genehmigung der Jüdischen Gemeinde Trier sind für die Ausstellung die Fragmente zweier Grabsteine wieder zusammengesetzt worden.

"Viele ehemalige Wittlicher Juden stifteten persönliche Gegenstände für diese Ausstellung, so auch Arthur Feiner, geboren 1907 in Wittlich, ein kleines Gebetbuch, das ihn auf seiner Odyssee von Deutschland durch die Welt begleitete."

"Über meinen Weg von Deutschland über Shanghai nach Amerika kann ich nur Stichworte wiedergeben. Für eine chronologische Niederlegung der Geschehnisse und eine tiefere Beschreibung der Verhältnisse in Shanghai habe ich weder die Kraft noch das Können. Außerdem will ich nicht die Bitterkeit dieser Jahre kosten und nicht die Kinder mit der Schuld der Väter belasten.

Warum sagte der Gestapomann, nachdem er meine Sachen durchwühlt hatte: "Sie stehen nicht auf meiner Liste!" und verließ das Zimmer...

Dann eines Tages bot man mir eine Schiffskarte nach Shanghai an. Ein Ertrinkender klammert sich auch an einen Strohhalm. Mit den erlaubten 10,00 Mark ging ich auf die Reise ... nach China.

Es starben viele. Besonders ältere Menschen. Sie hinterließen eine Leere, die nicht zu füllen war. Ein paar Jahre vergingen langsam und die Arbeit war nichts für empfindsame Naturen.

Die Amerikaner kamen ... Mitte 1948 kam ich auf Sammelaffidavit nach langer Reise mit einem Truppentransportschiff in San Francisco an.

Die Einladung der Stadt Wittlich zur 700-Jahrfeier hat mich sehr gefreut. Ich wollte schon, aber diese Reise kann ich mir nicht mehr zutrauen.

Aber vielleicht, wenn Sie gleich von der Synagoge zum Marktplatz gehen, ahnen Sie, wie ich im Geiste mit Ihnen dort stehe und die alten Namen auf den Geschäften sehe: Schuhhaus Wolf, Schiffmann, Ermann-Bach, Bender, Frank und Sänger. So war es gewesen. Aber ich will den schrecklichen Abgrund, der zwischen Gestern und Heute liegt überspringen und ich reiche der jungen Generation meine Hände in Freundschaft. 

Herzlichst, Ihr Arthur Feiner


In der Jüdischen Schule, Kirchstraße 1, lehrte zuletzt der Lehrer David Hartmann neben dem allgemeinen Unterricht auch Hebräisch. Die Schule förderte die Angleichung an die deutsche Kultur. Auf dem hier abgebildeten Foto (ca. 1934) feiern Schüler das jüdische Freudenfest - Purim. Ihre Verkleidung läßt sich auf den Einfluß des "christlichen" Karnevals zurückführen. 

 Der Viehmarkt, einer der größten Westdeutschlands, spielte für die jüdischen Einwohner eine besondere Rolle. Fast die Hälfte von ihnen war im Viehhandel tätig. Diese erstaunliche Dominanz geht letztlich auf die strengen jüdischen Speisegesetze zurück. In Wittlich, wie auch in anderen kleinstädtischen und ländlichen Gebieten, engagierten sich die Juden frühzeitig in diesem Beruf, um die Versorgung mit rituell reinem Fleisch sicherzustellen.

Viele Häuser des Marktplatzes befanden sich bis zur Arisierung in den 30er Jahren in jüdischem Besitz: Josef Bender verkaufte am Marktplatz 1 Manufakturwaren, die Familie Ermann-Bach besaß eine Lebensmittelgroßhandlung; daneben befand sich das Bekleidungsgeschäft von Emil Frank und am Marktplatz 7 führte die Familie Wolff ein Schuhgeschäft. Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 verschwanden zunächst die jüdischen Firmen und dann die Familien.


1309: Zum ersten Mal wird ein Jude in Wittlich urkundlich erwähnt.
1663: Die Kopfsteuerliste der Stadt Wittlich umfaßt 184 Erwachsene, davon 14 Juden. 
1808: 68 Wittlicher Juden geben auf dem Rathaus ihren neuen Familiennamen an.
1910: Die neue Synagoge wird eingeweiht.
1938: In der Kristallnacht wird die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört.
1942: Mit der Deportation der letzten jüdischen Mitbürger erlischt die Jüdische Gemeinde Wittlich.

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