Geschichte des Gebäudes

Das Alte Rathaus in Wittlich – Nutzung nach Auszug der Stadtverwaltung

Seit 1984 wird das historische Rathaus in Wittlich nicht mehr als Sitz der Stadtverwaltung genutzt, sondern dient als Ausstellungsräumlichkeit. Aus Platzgründen wurde die Verwaltung in einem Ausweichquartier untergebracht; ab 1996 residiert sie in einem eigens für die Verwaltung errichtetem Mietobjekt in der Schloßstraße 11. Nur das Kulturamt arbeitet bis heute im „Alten Rathaus“.

Erdgeschoss und erster Stock werden für Ausstellungen genutzt, zusätzlich befindet sich ein Arbeitsplatz für Aufsicht, Auskunft, Kartenvorverkauf und weitere Dienstleistungen im Eingangsbereich zum Marktplatz.

Die erste Ausstellung vom 5.Juni bis zum 15.August 1984 war dem Künstler Georg Meistermann gewidmet. 1993, 2001 und 2011 folgten Ausstellungen mit dem Werk Meistermanns, dessen Fenster im Treppenhaus, die Apokalyptischen Reiter, das Alte Rathaus seit 1954 prägen. Von 1993 bis 2009 hießen die Ausstellungsräume explizit „Georg-Meistermann-Museum“, dieser Name wird auf Wunsch der Nachlassverwaltung nicht mehr genutzt und man nennt das Haus heute „Städtische Galerie im Alten Rathaus“ oder einfach „Altes Rathaus“.

Im Erdgeschoss befindet sich die Dauerausstellung mit Werken Georg Meistermanns. Es handelt sich hauptsächlich um den Besitz der Stiftung Stadt Wittlich, aber auch um bedeutende Leihgaben aus dem Ausland. Diese Ausstellung wurde 2012 von der Kunsthistorikerin Dr. Caroline Theresia Real zusammengestellt und gibt einen guten Überblick über die einzelnen Epochen sowie die unterschiedlichen Kunstgattungen und –techniken, die Meistermann reizten. Ein Gemälde von 1941, das Triptychon „Lob des friedlichen Lebens“ zeigt die frühe Schaffensperiode des Künstlers und seine Totenmaske beschließt den Zyklus. Ölgemälde, Zeichnungen, Entwürfe und Glasarbeiten zeigen die Vielseitigkeit des Künstlers. So fällt es leicht, einen guten und fundierten Überblick über das Werk Georg Meistermanns zu erlangen.

Die sechs Räume des ersten Stocks sind Wechselausstellungen gewidmet. Zwei bis drei Kunstausstellungen werden pro Jahr dargeboten. Die Ausstellungen zeichnen sich durch hohes Niveau, sorgfältige Auswahl und ästhetische Präsentation sowie durch den Anspruch, akzentuiert und profiliert Raum zu geben für Kunst im Aufbruch, gesellschaftskritisch und auf Neues ausgerichtet zu sein.

Der kleine Sitzungssaal im ersten Stock und der große Sitzungssaal im zweiten Stock werden für Konferenzen, Ausschusssitzungen, Trauungen, Ausstellungseröffnungen, Vorträge u.ä. genutzt. Hervorzuheben ist die ästhetische und aufsehenerregende Gestaltung des großen Saales, die der Trierer Künstler Fritz Quant 1922 schuf. Die übrigen Räume im zweiten Stock beherbergen noch immer das Kulturamt der Stadt Wittlich, so dass die Ansprechpartner für die Ausstellungen vor Ort sind. Es finden Klassen- und Gruppenführungen statt, museumspädagogische Angebote runden die Bildungsofferte ab.

Das Wittlicher Rathaus von Klaus Freckmann

Matthias Joseph Mehs - erster Nachkriegsbürgermeister Wittlichs (1946-1953) und engagierter Stadthistoriker - hat im Zusammenhang mit dem Wittlicher Rathaus einmal über diese ex definitione spezifischste kommunale Bauweise geäußert: »Die Rathäuser sind von jeher steingewordene Rufer der Freiheit, der Eigenständigkeit und Selbstverwaltung einer Stadt gewesen. In ihnen findet der Bürgerstolz und die Stadtfreudigkeit ihren beredtesten Ausdrucke.' Diese Worte, die nicht frei von Pathos sind - was man nach einer Diktatur mit der Mißachtung des freien Bürgerwillens verstehen kann - sind in erster Linie auf die einstigen unabhängigen, nur bedingt demokratisch, eher patrizisch-republikanisch regierten Reichsstädte anzuwenden. Ihr berühmtestes rheinisches Beispiel war Köln. Andere Städte dieser Region erlangten manchmal zwar auch die Reichsunmittelbarkeit, verloren sie aber wieder oder gelangten wie Trier, das sich 1580 endgültig dem kurfürstlichen Willen unterordnen mußte, nie in deren Genuß und blieben damit Landstädte. Insofern bestand verfassungsmäßig kein Unterschied zu Wittlich. Allerdings war dies möglicherweise in der Sache anders, nämlich Koblenz, das bereits 1562 die kurfürstliche Übermacht zu akzeptieren gezwungen war, oder Trier blieben mit ihrem zeitweisen Hang zur Aufsässigkeit eher potentielle Gefahrenquellen für den Landesherren als die kleinen kurtrierischen Orte, die mit Wittlich 1291 oder auf Grund von Sammelprivilegien ab 1332 Stadtrechte erhalten hatten."


Eingebunden in den Kurstaat, zu dessen innerer Ausbaupolitik seit dem frühen 13. Jahrhundert der Burgenbau und die befestigten Freiheiten gehörten, genossen Städte und Bürger bis zum Untergang der alten Ordnung - 1801 - alle Rechte einer ständischen Gesellschaft. So ist es auch zu verstehen, daß die Rathäuser jener Jahrhunderte zwar einen bürgerlich-selbstbewußten, aber nicht den Charakter eines unabhängigen Gemeinwesens ausstrahlen, das außer dem Kaiser keine übergeordnete Autorität kannte. Zu solchen Prachtbauten wie in manchen Reichsstädten hätte auch die ökonomische Basis gefehlt. Selbst die spätmittelalterliche Steipe in Trier, die als städtisches Rathaus diente, ist kaum stattlicher als ein ehemaliges Zunfthaus. In Trier - Beispiel einer ständischen Stadtverfassung - stand laut dem Statutenbuch von 1593/1594 dem Stadtrat ein Statthalter vor, der die Interessen des Kurfürsten vertrat. Der Magistrat setzte sich aus zwei Bürgermeistern, einem Stadtschultheißen, sieben Schöffen und zwanzig Amtsmeistern zusammen, die zu einem Viertel vom Kurfürsten ernannt und zu drei Vierteln von den Zünften gewählt wurden. Schultheiß und Schöffen waren für das Rechtswesen zuständig. Außer den gewählten und ernannten Repräsentanten nahm eine ganze Anzahl städtischer Beamter die mannigfachen Amtsgeschäfte wahr.

In Wittlich, das seit Beginn des 14. Jahrhunderts auch kurfürstliche Amtsstadt war, existierten nebeneinander ein Exekutiv- und Judikativstrang und eine weitere vollziehende Gewalt: nämlich einerseits die Amtsverwaltung mit dem Amtmann als Steuereinnehmer, dem Schultheißen als Gerichtsvorsitzenden und dem Kellner als Verwalter der kurfürstlichen Kameralgüter sowie andererseits die städtische Verwaltung mit Bürgermeister, Schöffen- und Stadtrat. Diese beiden Administrationsebenen bestanden nicht getrennt nebeneinander, sondern waren personell und sachlich miteinander verbunden.


Für die kleine Landstadt Wittlich sind aus den Zünften gewählte Stadträte und ein jährlich von der Bürgerschaft gewählter Bürgermeister nicht vor 1600 nachgewiesen. Daneben kannte man einen Baumeister, Gerichtsschreiber und Steuermeister sowie die kirchlichen Sendschöffen. Das weltliche Schöffengericht setzte sich aus dem zum ersten Male 1297 genannten Schultheißen und den - ab 1336 - fünf bis sieben Schöffen zusammen. Schultheiß, Zender und Gerichtsdiener wurden vom Kurfürsten ernannt und konnten von ihm auch abgesetzt werden - ebenso die Schöffen. Da vor 1600 kein Stadtrat bestand, hatte man vorher auch kaum Bedarf nach einer Tagungsstätte als Rathaus. Ob das Schöffengericht, das sich, wie M. J. Mehs angegeben hat, ursprünglich im Freien, auf einem Platz gegenüber dem erzbischöflichen Hof an der Karrstraße versammelt hatte, mit dem Rathaus einen neuen Tagungsort fand, ist denkbar, aber nicht belegt. Geeignet für solche Sitzungen war das Rathausparterre, das - so in Wittlich gut erkennbar - einst eine offene, laubenartige Halle war, wie wir es von vielen spätmittelalterlichen, frühneuzeitlichen Rathäusern wissen." Möglicherweise wurde das Erdgeschoß aber auch für Verkaufszwecke - als Kaufhaus und öffentliche Waage - genutzt. Vielleicht wechselten auch die Funktionen dieses Parterreraumes. Das Obergeschoß, das zur Hälfte aus einem saalartigen Raum bestand, dürfte immer schon für Ratssitzungen und Bürgerversammlungen genutzt worden sein. Damit haben wir die wesentlichen Elemente eines Rathauses - die Bestimmung als Ratsstätte, eventuell auch als Gerichtsort und (oder) als Kaufhaus. Es fehlt aber noch ein weiteres Charakteristikum, das von dem Türmchen über dem Wittlicher Rathaus und der darin befindlichen Glocke symbolisiert wird. In ihnen - Dachreiter und Glocke - lebt die Erinnerung an den mittelalterlichen städtischen Wachturm fort, von dem J. Marx in seiner »Geschichte des Erzstifts Trier« (1858) sagt: In dem höchsten Gemache dieser Türme oder Berfridi hielten sich Wärter auf, »welche bei Annäherung eines Feindes die in diesem Thurme befindliche Sturmglocke (campana) anzuschlagen hatten, worauf die Bürger sich bewaffnet einfinden mußten.« Die Glocke wurde sodann auch angezogen, wenn die Bürger zu anderen Zwecken zusammenzurufen waren, woher sie auch den Namen Bannglocke (campana bannalis) erhalten hat, weil sich die Bürger, die innerhalb des Bannes der Stadt wohnten, auf ihren Schlag zu versammeln hatten. Solche Bürgerversammlungen wurden auch in den Dörfern der Mosel-Region durch den Anschlag der öffentlichen Glocke angekündigt und im Rat- oder Gemeindehaus, im sogenannten Spilles oder Spielhaus - dem Gebäude dörflicher Feste - abgehalten. Im Jahre 1647 brach in Wittlich, infolge der Explosion einer Pulvermühle, ein Stadtbrand aus, der sich überaus rasch und weitflächig ausdehnte und dem, wie der damalige Schadensbericht festhält, auch das Rathaus zum Opfer fiel. In der Regierungszeit des Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen (1652-1676) baute man offensichtlich das Rathaus wieder auf; denn sein altes Hofportal ist mit dem Wappen dieses Landesherrn geschmückt. So könnte man folgern, daß der Bau - wenigstens in den Ausmaßen vor der Vergrößerung von 1922 - eine einheitliche Schöpfung des dritten Viertels des 17. Jahrhunderts ist. Ob dies indes zutrifft, ist nach der nachstehenden Baubeschreibung zu klären. Der Text folgt weitgehend einer Darstellung von 1982.

Die Front der zum Marktplatz gerichteten Rathauskurzseite zeigt in ihrem Erd- und ersten Obergeschoß Formen der deutschen Renaissance. Das Parterre war früher - wie bereits gesagt - geöffnet und ist zu einem unbekannten Zeitpunkt, vermutlich im frühen 19. Jahrhundert, geschlossen worden; zwischen und neben diesen einstigen Lauben eine Dreierordnung toskanischer Dreiviertelsäulen mit Beschlagmuster und auf hohen Stühlen. Gesimsfriese, unmittelbar unter der Plinthe und mit den Säulen schaftringartig verkröpft, untergliedern die untere Hälfte des Erdgeschosses. Auf den Scheiteln der Bogen sind figürliche Konsolen angebracht, die zusammen mit den Säulen ein breites Gesimsband tragen, das um die Vorsprünge gekröpft und mit Diamantquadern besetzt ist. Das obere Geschoß nimmt mit den Säulenabständen die Maße des unteren auf. Vier rechteckige Fensterpaare liegen zwischen fünf Säulen, deren hohe Stühle wieder geschmückt sind (mit Diamantquadern und Masken); der Architrav ist ebenso wie sein unteres Gegenstück um die Säulenvorlagen gekröpft. Der steil geschweifte Giebel zeigt mit seiner wuchtigen Kontur, den kräftigen, S-förmigen Voluten, die eine Muschelnische mit der Statue des hl. Rochus umfassen, und dem barocken Dachreiter jüngere Formen als der Unterbau. Dies gilt auch für das mit Keilsteinen besetzte Ochsenaugenfenster unter dem Dachreiter, für die Profile des vor die Front tretenden oberen Nischenrahmens sowie für das Giebelprofil. Der hl. Rochus - als Pestheiliger Schutzpatron der Stadt - weist auf die großen Epidemien des 17. Jahrhunderts hin. Die einfache barocke Arbeit zeigt den Heiligen in einer üblichen Haltung und mit den bekannten Attributen: Pilgergewand, Pilgerstab in der Linken, die Rechte auf eine Wunde des entblößten Beines deutend, ein kleiner Hund mit einem Stück Brot in der Schnauze. Die im Laufe der Zeit durch Witterung und Wurmfraß in ihrer Standfestigkeit beeinträchtigte Figur wurde vor etlichen Jahren durch einen Abguß ersetzt. Das Original steht im Sitzungssaal. Bei der Datierung der Rathausfassade - und damit des Rathausbaues vor der Vergrößerung von 1922 - ging man zunächst vor allem von dem bereits genannten Stadtbrand von 1647 aus. In dem Kernbau der jetzigen Anlage sah man den Neubau aus der Zeit des Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen - eine Meinung, die von dem erwähnten Wappenstein am Hofportal gestützt wird. Die Marktseite des Baues wurde - so in Ernst Wackenroders »Kunstdenkmälern des Kreises Wittlich« von 1934 - als eine homogene, in sich einheitlich konsequent gegliederte Schmuckfassade gewertet. Sicherlich spielt bei diesem ästhetischen Urteil die aus der kunsthistorischen Literatur der zwanziger Jahre gewonnene Erkenntnis von Rathausansichten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle. Im Kern bedeutet dies, daß die Rathäuser gotischer Gestaltung ein eher gleichförmig-ruhiges Äußeres aufweisen, während die späteren Fassaden - diejenigen nach 1550 - »aus der Über- und Unterordnung ungleichwertigerGlieder eine mannigfache Silhouette« zeigen. Eine solche Auffassung wird von der Marktplatzseite des Rathauses gestützt, sieht man sie als eine auch in ihrer Lebendigkeit geschlossene Komposition an. Schwierigkeiten ergeben sich dann aber, wenn man einerseits an dem Wiederaufbau des abgebrannten Rathauses kurz nach 1647 festhält - und dies stilistisch noch als der Renaissance zugehörig beurteilt - und andererseits den Giebel mit Glockentürmchen als Barock klassifizieren muß. Demnach wäre das Gebäude, wie M. J. Mehs konstatiert hat, an der Wende der Renaissance zum Barock errichtet worden. Diese Einheitlichkeit wurde allerdings 1977 von Eberhard Zahn zurückgewiesen, als er auf Grund stilistisch-formaler Kriterien darauf aufmerksam machte, daß der geschwungene Giebelaufsatz erst aus der Zeit um 1700 stammen könne. Als Baubeginn der unteren Stockwerke ging er weiterhin von den Jahren kurz nach 1647 aus. Auch diese Ansicht ist jedoch zu revidieren; denn das Wittlicher Rathaus, das heißt die Marktseite, hat in seinem Parterre - die Bogenform der ehemaligen Lauben mit ihrem Gesims - und im Obergeschoß - die Art der Rechteckfenster mit mehrstufig geschnittenem Gewändeprofil und Ablaufvoluten an den unteren Ecken - etliche Parallelen mit dem Rathaus von Bernkastel; das inschriftlich wie dendrochronologisch mit 1608 datiert ist. Die Bernkasteler Jahreszahl stellt für das südliche Rheinland keinen Einzelfall dar, sondern wird von zahlreichen Bauten mit ähnlichem Dekor - vor allem in der Form rundbogiger Lauben oder Fensteröffnungen und der Rechteckfensterreihen - untermauert, die sich um die Jahrzehnte zwischen 1580 und 1620 gruppieren lassen. Was den bauplastischen Schmuck des Wittlicher Rathauses angeht (die beiden Geschosse der Marktseite), fügt er sich vollends in dieses rheinische Bild ein, für das Wittlich mit dem im Zweiten Weltkrieg beschädigten und danach abgebrochenen Haus Ronde (ehemals Hof von Wachenheim, datiert 1605) ein weiteres Beispiel besaß. So war das reichgeschmückte Portal dieses Hauses auch mit einem Eierstabmuster verziert, wie man es an der Unterkante der Rechteckfenster des Rathauses sieht. Fügt man diese auf stilistisch-formaler Kenntnis basierende Datierung in die Wittlicher Stadtgeschichte ein, so ist festzuhalten: Die Rathausfront ist weitgehend eine Arbeit der Zeit um 1600; das Rathaus brannte zum größten Teil 1647 ab, die steinerne Fassade blieb aber erhalten und wurde in den Nachfolgebau -- aus der Zeit des Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen - integriert. Der Rathausgiebel entspricht den Formen des 18. Jahrhunderts; er ist erst nach einer weiteren Zerstörung aufgemauert worden.


Hellt diese zeitliche Abfolge die Baugeschichte des ältesten Rathausteiles, der Fassade, einigermaßen auf, so bleibt der Name des Baumeisters im historischen Dunkel verborgen. M. J. Mehs hat »überraschende Anklänge« - formale Übereinstimmungen - mit dem Kurfürstenpalais in Trier zu erkennen geglaubt.18 Eine Verwandtschaft des Wittlicher Rathauses mit dem ab 1615 unter Kurfürst Lothar von Metternich errichtetem Ost- und Nordflügel des Schlosses, das aller Wahrscheinlichkeit nach von einer Kurmainzer Renaissance geprägt worden ist, läßt sich indes kaum begründen; denn die Tektonik der beiden Bauten ist gar zu unterschiedlich. Den Trierer Fassaden sind »die zurückhaltenden horizontalen Gliederungen und die sparsame Verwendung von Schmuckwerk und vor allem das Fehlender vertikalen Einteilung durch Pilaster oder Säulen ... « zu eigen." Ein Blick auf die Wittlieher Rathausfront zeigt das Gegenteil, nämlich eine auffallend deutliche horizontale und vertikale Begrenzung der Mauerflächen - durch die genannten kräftig vortretenden, profilierten Gesimse und die Dreiviertelsäulen. Diese Gestaltung und die Anlage der Säulen, die auf hohen, mit Beschlagwerk verzierten Stühlen stehen, weisen eher in eine andere Richtung - etwa nach Köln, wo zwischen 1569 und 1573 die Rathauslaube in Formen der niederländischen Renaissance errichtet wurde. Selbstverständlich kann für Wittlich nur von einer sehr bescheidenen Annäherung an diesen großartigen, weit in das Rheinland als Vorbild wirkenden Bau die Rede sein. Gemeint ist keineswegs eine Verwandtschaft innerhalb des künstlerischen Geistes, sondern eine Ähnlichkeit des Gliederungsprinzips, das von einer Übereinstimmung horizontal und vertikal abgesetzter Flächen bestimmt wird. Der Baumeister des geschweiften Giebels ist ebenfalls anonym; seine Formen weisen - wie gesagt - auf das 18. Jahrhundert hin. Man hat hin und wieder diese Arbeit mit den Wittlicher Steinmetzen Wolft in Verbindung gebracht. Conrad Wolft, gest. 1709, gilt unter anderem als Bauherr des Ende des 17. Jahrhunderts entstandenen »Hauses zum Wolf« am Marktplatz, des späteren Hotels Weil. Zur Erinnerung an diesen Architekten und Bildhauer hat seine Witwe 1712 die Kreuzkapelle vor dem Mundwald errichten lassen. Sebastian Wolff, der nach älterer Meinung ein Bruder von Conrad gewesen sein soll - was aber nicht eindeutig zu belegen ist ist 1720 gestorben. Ein Vergleich der den Wolft zugeschriebenen Schmuckfassaden und Bildhauerarbeiten mit dem Giebelaufsatz des Rathauses offenbart keinerlei Gemeinsamkeit, sondern verdeutlicht sogar einen an konservativeren Vorbildern orientierten Wolftschen Formenschatz. Demnach scheiden diese Steinmetzen als Baumeister des Giebelaufsatzes aus. Aber wie läßt sich der Giebeldatieren? Erfreulicherweise hat sich im vorderen Bereich des Rathauses die alte Dachkonstruktion erhalten; sie ist während des Erweiterungsbaues von 1922 nicht ausgewechselt, sondern sogar größtenteils ungestört belassen worden. Es handelt sich auf Grund der Ecksituation des Rathausgrundstückes und der besonderen Bedingungen eines Mansarddachesum eine recht komplizierte Konstruktion mit zwei übereinander gelagerten liegenden Stühlen, von denen allerdings der untere mit seinen steil gesetzten Stuhlsäulen - auf der Höhe der beiden barocken Gauben an der Marktplatzseite - nicht ohne weiteres erkennbar ist. Diese Ebene ist nämlich im vorigen Jahrhundert als Bürgermeisterwohnung ausgebaut worden. Der obere, nicht verbaute Stuhl besitzt noch bis auf eine Tiefe von zirka 10m seine alten Ausmaße - vom Stichgebälk an der Marktseite über die Balken bis hin zu den hinteren Stuhlsäulen. Eine zusätzlich eingebaute Hilfskonstruktion mit Hängesäule und Streben sollte die durchhängende untere Decke sichern. Die Dachbalken sind in dem Nachbargiebel - zur Burgstraße hin - eingemauert. Dieses Mauerwerk weist keine Veränderungen auf und belegt damit, daß die Balkenlage noch ursprünglich ist.

Nachvollziehbar ist am Mauerputz des Nachbargiebels auch die alte Führung des Rathausdaches, das immer schon so hart an dieses Nachbarhaus grenzte und wohl auch dessen Dach überragte. Alles in allem das originale Dachwerk, dessen Holz sich mit Hilfe der Dendrochronologie datieren läßt. Eine solche Untersuchung ist auch durchgeführt worden. Ihr Resultat belegt eine Konstruktion, die in ihrem Kern aus den Jahren 1750/1751 stammt. Dies heißt, um diese Zeit sind innerhalb einer Baumaßnahme die Dachzimmerung aufgeschlagen und der Giebel auf den älteren Unterbau aufgesetzt worden. Die Hilfskonstruktion mit Hängesäule gehört auch der Zeit um 1751 an.


In welchem Zusammenhang der Umbau oder die Restaurierung des Rathauses zu sehen ist, läßt sich nicht zufriedenstellend klären. Jedenfalls hat damals dieser Bau umgreifende Veränderungen erfahren, und zwar nicht nur in seinem äußeren Bild, sondern auch im Inneren; denn 1750 erhielt das frühere Bürgermeisterzimmer im Parterre seine reichverzierte Stuckdecke. Wie wir wissen, wurde Wittlich auch im 18. Jahrhundert von mehreren Feuersbrünsten heimgesucht, von denen eine für 1745, eine andere für 1747 überliefert ist. Eventuell ist eine von ihnen und nicht eine frühere von 1709 der Schlüssel für den Rathausumbau. Für die Häuser am Wittlicher Marktplatz stellt eine solche bauliche Veränderung keinen Einzelfall dar. Die ehemalige Posthalterei Thurn und Taxis (Markt 3) stammt in ihrem Kern von 1725/1726; das Dachwerk ist dagegen dendrochronologisch eindeutig mit 1752/1753 datiert worden eine Jahreszahl, die auch das Portal trägt und leicht zu Irritationen führt, wenn man sie auf den Gesamtbau überträgt. Auch hier ist der Grund für den Neubau des mächtigen Mansarddaches unbekannt. Wie Feuerspuren am Mauerwerk zum Nachbarhaus (Marktplatz 2) nahelegen, ist eine Brandkatastrophe nicht auszuschließen. Dieses Haus, dessen markantester Teil das Türmchen am Markt ist, wurde übrigens - ebenfalls dendrochronologisch nachgewiesen um 1708/1709 und nicht, wie man anhand der jüngeren Fassadengestaltung urteilen könnte, erst im 19. Jahrhundert errichtet. 

Der geschweifte Giebel des Rathauses steht für Wittlich nicht alleine. Ein Gegenstück besitzt - allerdings in anderer Form - das Haus Neuerburg (Marktplatz 6). Auch hier ist ein älteres Gebäude mit einem barocken Aufbau »modernisiert« worden. Über die Ursache - ein vorhergegangener Brand oder eine einfache Aufstockung auf Grund von Raumnot - rätseln wir wieder. Geschweifte massive Giebel, die sich an der Mosel bis in das frühe 17. Jahrhundert verfolgen lassen - der ehemalige Klausener Hof in Piesport als Beispiel (1613) - finden sich in Wittlich außerdem in der Trierer Straße. Das dortige Haus Nr. 8, das dem mittleren 18. Jahrhundert angehören dürfte, zeigt neben seinem Giebelfenster die vom Rathaus bekannten S-Voluten. Kommen wir zum Rathaus zurück, das bis Mitte des 18. Jahrhunderts seinen vorerst größeren Ausbau erfahren hat. Einige Worte sind indes noch über das Leben in diesem Gebäude nachzutragen, so wie es sich wenigstens andeutungsweise aus den bei der Stadtverwaltung aufgehobenen Ratsprotokollen nachvollziehen läßt. Über die späte kurtrierische Zeit gibt deren ältester Band Auskunft, der die Jahre 1750 bis 1783 umfaßt. Es wird von der jährlichen Wahl des Bürgermeisters, des Baumeisters und der »Senatores« des Stadtrates berichtet, der sich damals nur aus wenigen Personen zusammensetzte, 1753 zum Beispiel aus vieren. Ein großer Teil der Berichte dreht sich um Eingaben von Bürgern, um deren Auseinandersetzungen untereinander, oder mit der Stadt, vor allem um Bauangelegenheiten. Es geht um die Verpachtung städtischer Güter, wie der Triftwiesen und immer wieder um die Stadtmühle. Arbeiten zur Ausbesserung der Stadtmauer und der Stadttore werden vergeben, die regelmäßig nachts zu schließen und morgens zu öffnen sind. Diese Aufgaben werden von Bürgern gegen Entgelt übernommen. Es wird von der Entlöhnung des Nachtwächters, des Försters, des Schweine- und Kuhhirten berichtet. Bauholz aus dem städtischen Wald ist an Bauwillige zu vergeben. Über die Aufnahme und Tilgung städtischer Schulden ist nachzulesen. Als wichtiger Punkt ist die Brot- und Fleischtaxe aufgenommen. Damit sind von amtlicher Seite die Preise der Grundnahrungsmittel verbindlich festgesetzt. Die Protokolle berichten nichts Spektakuläres. Die Eintragungen wiederholen immer wieder ähnliche Vorgänge. Dies ändert sich auch nicht sonderlich im frühen 19. Jahrhundert, in der französischen Zeit, sieht man von dem angekündigten Verkauf von Nationalgütern, dem eingezogenen Adels- und Klosterbesitz ab. Die »Mairieprotocol«, wie es damals hieß, sind häufig in französischer Sprache verfaßt, rezipieren oft Anordnungen des Trierer Präfekten und weisen auf eine straffere, zentralistischere Verwaltung hin als zu Zeiten Kurtriers. Die Protokolle der folgenden Zeit, der rheinpreußischen Epoche, zeigen Wittlich weiterhin als kleine Landstadt. Es finden sich, wie gehabt, Nachrichten über Prozesse, Unterstützungsgesuche von Armen, über die Notwendigkeit der Nachtwache, über die Feldpolizei oder über den Wege- und Brunnenbau. Ort für alle diese Verhandlungen und Sitzungen war das kleine Rathaus, das bei einer Breite von nur 9 m (Außenmaß) und einer Tiefe von 18 m, abzüglich eines Innenhofes, den Verwaltungs- und Repräsentationsbedürfnissen des 18. und 19. Jahrhunderts ausreichte. Anfang des 20. Jahrhunderts - Wittlich zählte inzwischen zirka 5 500 Einwohner - sah man einen Erweiterungsbau als notwendig an. 1907 ging man an die erste Planung, die sich vermutlich wegen des Ersten Weltkrieges aber zerschlug. 1922 war es dann soweit; eine Vergrößerung galt als nicht mehr aufschiebbar. Es wurden Architekten zu Rate gezogen und die Planung vergeben. Ihre Phasen lassen sich bis in die Einzelheiten aus einer im Stadtarchiv befindlichen Akte rekonstruieren, die »Rathaus-Umbau-Instandhaltung « überschrieben ist und die Jahre 1911 bis 1926 behandelt. Im folgenden einige Auszüge aus diesen Papieren, aus denen auch schon M. J. Mehs geschöpft hat: Als Einleitung ist ein an den Wittlicher Bürgermeister Darius gerichteter handgeschriebener Brief des Frankfurter Architekten CIaus Mehs von 1911 eingeheftet, der sich als gebürtiger Wittlicher Sorgen um das bauliche Bild seiner Heimatstadt machte. Er schlug ein vom Stadtrat zu beschließendes Ortsstatut vor, um der Verunstaltung der Straßenzüge durch ästhetisch nachteilige Umbauten und durch schreiende Reklameaufschriften Einhalt zu gebieten.

1918 meldete sich Architekt Claus Mehs erneut zu Wort. Er hatte gehört, daß die Stadt ihr Rathaus aufgeben und mit der Verwaltung in das ehemalige Landratsamt (später »Hotel zum Burgtor«, heute Verwaltungsgebäude von Wittlich-Land) ziehen wollte. Vor allem drängten die städtischen Beamten auf eine solche Lösung, waren doch die alten Büroräume völlig unzulänglich und galten das Wachlokal und die Arrestzellen als zu klein und überholt. Die Bitte des Architekten war dagegen: »lch weiß nun nicht, ob dahingehender Beschluß bereits vorliegt, möchte jedoch den ergebenen Wunsch ausdrücken, doch jede Möglichkeit zu erwägen, ob mittelst Umbau oder Vergrößerung des schönen, historisch und künstlerisch so wertvollen alten Rathauses nicht vielleicht eine bessere Lösung gefunden werden kann. Soweit ich orientiert bin, würde der angrenzende Hof an der Neustraße wohl zu einem Anbau Platz geben können, so daß die eingebürgerte, zentrale Lage am Marktplatz erhalten bliebe. Eine andere, vielleicht noch bessere Lösung bestände darin, daß man einen Teil der verbreiterten Neustraße zur Vergrößerung des Rathauses heranziehen würde.« Hierbei ist zu wissen, daß die Neustraße noch im 19. Jahrhundert erheblich schmaler war, nicht als eine breite Öffnung in den Marktplatz einmündete und ihm damit den Charakter eines geschlosseneren Platzes beließ, als wir ihn heute kennen.


Mit diesem Schreiben von 1918, dem Claus Mehs einige, allerdings nicht mehr bekannte Skizzen für den Rathausumbau beigelegt hatte, waren die Weichen gestellt; zumal der Architekt nicht locker ließ und im »Wittlicher Kreisblatt« vom 25. Dezember 1919 seine Ideen vorstellte. Sie liefen auf eine Verdoppelung der Marktplatzfassade des Rathauses mit einem Uhrturm zwischen den Bauhälften sowie eine Bebauung des freien Hofraumes an der Neustraße hinaus. Dieser Plan stieß jedoch bei der Stadt, gerade wegen der Überbauung der Neustraße, auf wenig Gegenliebe. Vielmehr versuchte man, um zunächst der Raumnot im Rathaus zu entgehen, zusätzliche Büros in anzumietenden Nachbarhäusern unterzubringen, was aber hauptsächlich aus Kostengründen scheiterte. Am 30. November 1921 beschloß schließlich die städtische Baukommission, dem Um- und Erweiterungsbau näherzutreten, einen entsprechenden Plan des Kreisbauamtes abzuwarten - sein Leiter, Kreisbaumeister Vienken, war schon mit dem Projekt befaßt - außerdem, wegen der schlechten städtischen Finanzlage, keinen auswärtigen Architekten zu beauftragen, allerdings den Plan von Claus Mehs heranzuziehen. Der Bürgermeister teilte ihm den Stand der Dinge im Dezember 1921 mit. Anfang 1922 befaßte sich der Stadtrat erneut mit der Angelegenheit, lehnte eine Erweiterung des Rathauses in Richtung Neustraße endgültig ab, prüfte einen offenbar schon vorliegenden Plan des Kreisbaumeisters, gab grünes Licht für Verhandlungen mit den Nachbarn - wegen Fensterrechte und eventueller Parzellenankäufe - und beschloß, den Umbauplan mit einer noch zu bildenden Sachverständigenkommission zu diskutieren. Ihr sollten der Provinzialkonservator der Rheinprovinz, die sogenannte Rheinische Bauberatungsstelle, zwei Regierungs- und Bauräte aus Trier und ein Düsseldorfer Oberbaudirektor angehoren. Die in späteren Akten erhaltenen Namen dieser Herren haben bis heute in der rheinischen Denkmal- und Baugeschichte einen guten Klang, so beispielsweise des Bonner Provinzialkonservators Renard, der in einigen Sitzungen von dem Landesbaumeister Wildeman vertreten wurde, weiter des Kölner Oberbaurates Verbeek oder des Düsseldorfer Architekten Jahn. In ihrer Sitzung am 22. März 1922 sprach sich die städtische Baukommission einstimmig für den Umbauentwurf des Kreisbaumeisters aus, dessen mit dem 1. März 1922 datierte Unterlagen der Sachverständigenkommission übergeben wurden. Sie schloß sich grundsätzlich diesem Plan an, brachte indes einige Bedenken gegenüber der Neustraßen-Fassade vor. Mittlerweile hatte man auch - wie sich später herausstellen sollte - wenigstens das vorläufige Einverständnis der Eigentümer angrenzender Grundstücke in der Burg- und Neustraße erreicht. Claus Mehs, der nicht mehr zum Zuge kam, begleitete das Projekt skeptisch von Frankfurt am Main aus, kritisierte im »Wittlicher Tageblatt « vom 1. April 1922 den fehlenden Architektenwettbewerb und äußerte sich zu dem Entwurf des Kreisbaumeisters etwa folgendermaßen: »... , das ist der Mangel des Sinnes für die harmonischen Maßverhältnisse des Gesamtgebäudes. « Vor allem lehnte Mehs den geplanten Rathausturm an der Neustraße ab. Am 21. April 1922 tagte in Wittlich die Sachverständigenkommission, um sich vor Ort ein endgültiges Urteil über den Umbau zu bilden. Schriftlich hatte zuvor bereits der Provinzialkonservator als Position für den Uhrturm die Ecke Marktplatz-Neustraße und nicht die vom Kreisbaumeister vorgesehene Stelle an der Neustraßen-Front vorgeschlagen. Die Herren hielten ihre Sitzung praktischerweise im »Hotel Well« ab und hatten somit die Rathaussituation vor Augen. Das Protokoll dieser Tagung resümiert: Im Konzept ist der Vorschlag des Kreisbaumeisters zu begrüßen - insbesondere wegen der Grundrißlösung. Allerdings kann man sich mit dem Turm nicht anfreunden. An seiner Stelle rät man zu einem bescheideneren Dachreiter auf der Mitte des Firstes in der Portalachse. Auch soll das Hauptgesims des Altbaues an dem Neubau weitergeleitet werden, um größere Ruhe und Einheitlichkeit zu gewinnen. Zudem soll die geplante Fensterreihe des Sitzungssaales zugunsten massiver Aufbauten aufgegeben werden. Schließlich ist die fein durchgearbeitete Architektur des alten Teiles auf den neuen zu übertragen. Hierzu ist ein erfahrener Künstler zu Rate zu ziehen, dessen Urteil auch für die Gestaltung des Inneren, besonders des Sitzungssaales, wichtig ist. Das Protokoll geht auch auf den Entwurf von Claus Mehs ein und spricht sich - aus ästhetischer Sicht - vor allem gegen die nicht zu vertretende Verdoppelung der Marktplatzfassade des Rathauses aus. So reifte nach und nach die Detailplanung im Dialog zwischen Sachverständigen und Kreisbaumeister. Diskutiert wurden immer wieder Gestaltungsfragen, bis man endlich die Form gefunden hatte, in der sich das Rathaus noch weitgehend heute präsentiert.

Von dem ursprünglichen Entwurf hebt sich die tatsächlich ausgeführte Fassung vor allem in zwei Punkten ab: Die Dachkontur auf der Höhe des Sitzungssaales ist lebendiger gegliedert und greift mit ihren kleinen, geschweiften Giebeln das Motiv des Hauptgiebels an der Marktplatzseite auf. Der vorgesehene mächtige Rathausturm ist einem Dachreiter mit barocken Anklängen gewichen. Parallel zur Endplanung verliefen die ersten Vergaben von Bauaufträgen, die wegen der fortschreitenden Inflation öfters nachkalkuliert werden mußten, was naturgemäß zu Unstimmigkeiten zwischen Stadt und Handwerkern führte. In dieser wirtschaftlich angespannten Lage wäre es dem einen oder anderen Stadtverordneten am liebsten gewesen, den Rathausumbau ein- oder zumindest zurückzustellen. Die Mehrheit des Stadtrates hielt aber an dem Projekt fest, dessen Grundstein am 14. November 1922 gelegt werden konnte. Nachstehende Verse, die einer Niederschrift von demselben Tage entnommen sind, sollen an dieses Ereignis erinnern:
Heut' schwimmen wir im Gelde,
Doch gehen tut's uns schlecht,
Wir zittern all, vor Kälte,
Denn Frankreichs Macht hat's Recht.
Ohnmächtig liegt am Boden,
Was Jahre aufgebaut,
Die schönsten Episoden,
Man nach dem Krieg geschaut.
Wer einst das Fläschchen leere;
Der denk an uns zurück,
Wir waren Millionäre,
Und sind im Geld erstickt;
Sind trotzdem arme Schweine
Und kämpfen um das Brot,
Ein Glas vom gold'nen Weine
Ist uns ein schwer Gebot.
Noch pflanzen wir am Grabe
Die »Hoffnung« ernstlich auf,
Erhoffen bess're Tage
Im wilden Weltenlauf.
Und denken allzumal:
»Die schöne Zeit, sie war einmal.«
Aus diesen Zeilen - mögen sie auch noch so holprig sein - ist ein gewisser Stolz auf das Ende der schwierigen Planungsphase unverkennbar. Darüber hinaus stellen die Worte mit ihrer Animosität gegenüber dem »Erbfeind« Frankreich, ihre Anspielung auf die grassierende Geldentwertung und die aus ihr resultierende ökonomische Hoffnungslosigkeit ein kleines Zeitdokument dar. Über den Verlauf der Bauarbeiten informieren weiterhin die eingangs erwähnte Akte »Rathaus- Umbau-Instandhaltung« und außerdem die Stadtratsprotokolle des Bandes 1921-1924. Sie geben auch Einblick in die Finanzierung, deren erste Rate mit einem Sonderhieb im Wittlicher Stadtwald für eine Million Mark sichergestellt wurde. Da dieser Betrag bei weitem nicht reichte, sah sich die Stadt zu einer Kreditaufnahme gezwungen, die zusätzlich drei Millionen Mark dem Rathausbau zuführte. Bedingt durch die Inflation liefen, wie bereits gesagt, den Unternehmern und Handwerkern die Preise fort. So wurden am 8. Januar 1923 der Wittlicher Schreinerinnung Arbeiten für 801 400,- Mark vergeben; am 21. März 1923 ist aber die Rede von 2548900,- Mark. Ob mit dieser Summe weitere Arbeiten gemeint sind, oder ob es sich um eine Erhöhung infolge der Geldentwertung handelt, ist nicht ganz klar. An den Aufträgen waren vor allem einheimische Firmen beteiligt, welche die Bau-, Zimmermanns-, Schreiner-, Klempner- oder Dachdeckerarbeiten ausführten. Den größten Teil der Bauleistung erbrachte die Wittlicher Bauunternehmung Bungert. Auswärtige Firmen kümmerten sich um technische Einbauten, wie die Zentralheizung und die Telegrafenanlage. Die Trierer Firma Binsfeld übernahm neben den Glasbrandmalereien der Sitzungssaalfenster - sie stellen in allegorischer Weise die zwölf Monate dar - die Mosaikarbeit des kleinen, heute nicht mehr vorhandenen Wandbrunnens im unteren Flur vor dem ersten Treppenabsatz. Die bildhauerische Gestaltung des neuen Portales schuf der Trierer Künstler Heinrich Hamm. Die Fassade wurde gestrichen und, wie eine kürzlich unternommene Farbuntersuchung besagt - auf sie ist noch zurückzukommen - 1928 neu gefaßt. Diese farbige Behandlung der Außenfront und der Innenräume geht auf den Trierer Kunstmaler Fritz Quant zurück, »der es« nach den lobenden Worten von M. J. Mehs »meisterhaft verstand, dem Rathaus im Stadtbild eine beherrschende Note durch ein warmes Rot und eine wohlgelungene, harmonische Farbenkomposition der Marktfront zu sichern und die innere Raumwirkung so einheitlich und geschmackvoll zu gestalten, daß das Wittlicher Rathaus zu den Sehenswürdigkeiten des Eifellandes zählt. Noch heute beeindruckt vor allem der Sitzungssaal, der mit seiner dunklen Holztäfelung, der in bewußt altmeisterlicher Manier verstandenen Quantschen Ausmalung - inspiriert von Ranken- und Schlingenwerk mittelalterlicher Vorlagen - den ebenfalls in dunkel-magischen Farben gehaltenen Glasfenstern und der Architektur mit den beherrschenden Säulen in den Fensternischen ein bezeichnendes Interieur der zwanziger Jahre ist. Es ist weniger den damaligen modernen Kunstauffassungen verpflichtet, denkt man etwa anArt Deco und Bauhaus, sondern wird von einem konservativen Geist getragen, allerdings in ästhetisch derartig überzeugender Weise, daß man dem Raum einen Denkmalwert nicht versagen kann. So ging der Ausbau seiner Vollendung entgegen. Die Einweihung sollte im Sommer 1923 gefeiert werden. Ob sie stattfand, war aus der Akte nicht zu ermitteln. Möglicherweise fiel sie auch aus, war doch Bürgermeister Neuenhofer in den Jahren 1923/1924 über Monate hinweg von seinem Amt dispensiert. Der Grund für diese zeitweise Enthebung wird nicht genannt. Es darf aber angenommen werden, daß er im Zusammenhang mit der Rheinlandbesetzung der Franzosen zu suchen ist. Ab Herbst 1924 konnte sich der Bürgermeister wieder um seine Amtsgeschäfte kümmern. Zu ihnen gehörte auch noch die Honorarfrage der Sachverständigenkommission. Die Herren, deren Leistung je Person mit 2 000 Papiermark veranschlagt worden war, zogen verständlicherweise Naturalien anstelle des in seinem Wert nicht mehr zu benennenden Geldbetrages vor. Sie erhielten zunächst je zehn Flaschen Wittlicher Weines des Jahrganges 1921 - was wegen der zu gering erachteten Menge eine lebhafte Korrespondenz auslöste. Die Angelegenheit zog sich bis August 1925 hin, bis sich der Bürgermeister in der Lage sah, jedem der Sachverständigen fünfzig Flaschen »für Ihre gediegene Mitwirkung bei dem Rathausum- und Erweiterungsbau von den Wittlicher Weinen das Beste vom Besten geben zu können.« Die Diskussion um das Weinhonorar - an sich eine skurrile Episode am Rande - ist hier angeführt, weil sie schlaglichtartig die damalige schwierige wirtschaftliche Situation aufzeigt, in der sich auch eine kleine Landstadt wie Wittlich befand. Explosiv wurde die Lage zudem durch politische Entwicklungen wie dem Separatismus, dessen Anhänger am 23. November 1923 auch die Wittlicher Verwaltung okkupieren wollten, aber von herbeigeeilten, vorwiegend ländlichen Gegnern vertrieben wurden. Insgesamt gesehen, keine günstigen Voraussetzungen für eine demokratische Fortentwicklung.

Das von Matthias Joseph Mehs geprägte Wort der Rathäuser als »steingewordene Rufer der Freiheit« hat dann auch ab 1933 keine Gültigkeit mehr, wie ein Dringlichkeitsantrag in der Wittlicher Stadtratssitzung vom 29. März offenbart. Dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem Reichskanzler, »dem Führer der deutschen Freiheitsbewegung«, sollten die städtischen Ehrenbürgerrechte übergeben werden. Damals an sich nichts Außerqewöhnliches; exzeptionell ist aber, daß hierüber keine Entscheidung getroffen werden konnte, weil der Landrat »wegen formaler Mängel« die Ratsbeschlüsse vom 29. März 1933 aufhob. Der Stadtrat verlor, wenn man sich nach äußeren Kriterien richtet, spätestens am 30. Juni 1934 seine demokratischen Funktionen, als er sich in neuer Gruppierung einfand. Bürgermeister Neuenhofer blieb bis 1934 im Amt. Die Kriegszeit ließ auch Wittlich nicht unbehelligt. Bombenangriffe am Heiligabend 1944 und am Neujahrstag forderten etliche Menschenleben und zerstörten manche Häuser, vor allem im Bereich Neustraße - Marktplatz - Burgstraße und Kordel. Das Rathaus überstand diese Bombenwelle, sieht man von den zertrümmerten Fenstern im Treppenhaus ab. Sie blieben in den frühen fünfziger Jahren provisorisch mit Drahtglas abgesichert und sollten dann durch gemalte Glasfenster ersetzt werden, die an das grauenvolle Kriegsgeschehen erinnern. Als Künstler gewann man Georg Meistermann, der bereits 1949 die Chorfenster der St.-Markus-Kirche entworfen hatte und der als Thema der vier Rathausfenster die Apokalyptischen Reiter wählte. Kirmessonntag 1954 wurden die Glasgemälde mit den Titeln »Der Sieger«, »Der Krieg«, »Der Hunger« und »Der Tod« enthüllt. Gemessen an dem Werk Meistermanns, das sich ab ungefähr Mitte der fünfziger Jahre der abstrakten Malerei zuwendete, sprechen die Wittlicher Fenster noch eine figürlich- abstrahierende Sprache. Die dargestellten Reiter sind einerseits durch die knappen Umrißlinien und andererseits durch eine gegenläufige lineare Spannung ganz auf ihre wesentliche apokalyptische Aussage ausgerichtet. Der Farbkontrast steiqert das inhaltliche Geschehen, wie man es besonders deutlich an dem roten Gaul des »Krieges« sieht. Die Farbe steht auch als Symbolwert, beispielsweise für das Feuer, das die Erde und die an ihrer Silhouette erkennbare Stadt Wittlich - im Fenster »Der Tod« - verzehrt. Von einer »praktischen« Kunst, zu der Glasgemälde gehören, verlangte der öffentliche Auftraggeber - wenigstens war dies noch häufig in der frühen Nachkriegszeit der Fall - Eindeutigkeit und Lesbarkeit des Themas, dargestellt auf hohem künstlerischen Niveau. Daß die Meistermannschen Bilder diesen Forderungen gerecht werden, bedarf keiner Frage, auch wenn die gewählten formalen Mittel manchem Wittlicher damals provozierend vorkamen. Immerhin hat der Künstler auch damit das anvisierte Ziel erreicht, zur Meditation über Krieg und von ihm verursachtes Elend beizutragen. Wer mit der Deutung der Bilder nicht zurechtkam, dem gewährte M. J. Mehs mit seiner frühen Würdigung der Meistermann-Arbeit eine Interpretationshilfe. Die Glasgemälde bedeuten für das Rathaus einen künstlerischen Gewinn, der kongenial dem ästhetischen und ideellen Anspruch der anderen Bauglieder gerecht wird. Ist hiermit - mit dem Jahre 1954 - die Baugeschichte dieses wichtigsten Wittlicher Profanbaues abgeschlossen, so ist aus der Perspektive der Denkmalpflege noch auf die farbige Gestaltung des Baues einzugehen. Das Rathaus, dessen Quantsche Farbfassung aus den zwanziger Jahren bereits dargestellt worden ist, erhielt 1974 ein »neues farbiges Gewand«, das ein Bild der Spätrenaissance vermitteln sollte. Man meinte enthusiastisch: »Gerade das Zeitalter um 1650 liebte den goldschmiedhaften Charakter der Fassade, die in bunten Farben prangte und Heiterkeit ausstrahlte. Dazu gehörte natürlich auch die Vergoldung ... Gemäß dieser intuitiv zu verstehenden Ansicht, die auf dem Vergleich mit der allgemeinen Baugeschichte, aber nicht auf einer Bauuntersuchung vor Ort und am Objekt basierte, wurde das Rathaus neu gefaßt. Die zurückliegende Wand architektur erhielt, ähnlich wie bei Quant, einen roten Ton, die Säulen hoben sich grün ab, ihre Stühle grau und das gitterartige Zierwerk in Ocker und Gold. Als farbige Kleinodien sollten die Diamantsteine am mittleren Kranzgesims und an den oberen Säulenstühlen erglänzen. Für die Voluten neben der Heiligennische wählte man ebenfalls Ocker und Gold. Das Gesims des geschweiften Giebels und das Gewände des Ochsenaugenfensters setzten sich in einem hellen Grau von dem roten Untergrund ab. Da in den mittleren achtziger Jahren der Außenanstrich des Rathauses unansehnlich geworden war, entschloß man sich zu einer neuen Fassung, die sich aber im Gegensatz zu 1974 nach einem am Bau zu analysierenden älteren Befund richten sollte. Dieser Aufgabe unterzog sich in Zusammenarbeit mit dem rheinland-pfälzischen Landesamt für Denkmalpflege ein anerkannter Restaurator, der 1986 und während einer Nachuntersuchung von 1989 acht Farbschichten an der Rathausfassade und drei an der Traufseite feststellte. Als wesentliche Ergebnisse seien wiedergegeben: ein dunkles Rot in dünner Schicht als erste Phase', wiederum ein Rot mit Farbabsetzungen in Blaugrau, Ocker und Schwarz als zweite Stufe; ein monochromer Anstrich in hellem, grauem Rosa als dritte Fassung - sie erstreckt sich erstmals über großflächige Partien und bezieht, auch erstmals, den geschweiften Giebel ein, demnach ein Zeichen dafür, daß sie aus dessen Bauzeit stammt; eine graue Quaderung der zurückliegenden Wandfläche als vierte Phase, dazu an der vortretenden Architektur ein Umbragrau; eine grünliche Farbgebung als fünfte Stufe, die mit dem Umbau von 1922 gleichzusetzen ist; als nächste und sechste Schicht die des Trierer Malers Quant von 1928; als siebte Schicht die des Jahres 1974 und als achte eine Ausbesserung der Jahre danach. Die jetzige Farbgebung mit ihrem roten Untergrund und den grauen Säulen stellt einen Kompromiß zwischen den diversen roten Fassungen und der dritten Phase - der grauen aus der Zeit des Giebelaufbaues dar.

Diese Schicht, die wie das dendrochronologisch untersuchte Dachwerk mit dem Giebel aus den Jahren um 1750/1751 stammen dürfte, ist insofern hervorhebenswert, als sie den ersten einheitlichen Anstrich der Marktfassade wiedergibt. Die Farbgebung geht in etwa synchron mit derjenigen der ehemaligen Posthalterei Thurn und Taxis (Marktplatz 3), die 1752/1753 umgebaut wurde und damals eine sehr ähnliche Farbgebung erhielt, wie eine Farbanalyse von 1986 ergeben hat. Die Farbuntersuchung und auch die dendrochronologische des Wittlicher Rathauses belegen, daß die heutige historische Bauforschung über immer feinere Arbeitsmethoden verfügt, die ältere Erkenntnisse revidiert. Das besagt nicht, daß sie sozusagen ad acta gelegt werden, sondern daß sie neu zu interpretieren und in anderen Zusammenhängen zu sehen sind. Derartige neue Perspektiven schließen auch einige, früher als richtig angesehene Meinungen ein, die mit diesem Aufsatz in ein anderes Licht gerückt werden sollen. Gut denkbar ist, daß demnächst - wenn die baulichen Untersuchungsmethoden noch ausgeklügelter sind und wenn die Geschichtswissenschaft zusätzliche Daten liefert - die Historie des Rathauses sich noch lückenloser als bisher darstellen läßt. Das Rathaus - mittlerweile läßt es sich mit dem Adjektiv »altes« Rathaus apostrophieren - ist seit 1983 nur noch zu einem kleinen Teil Sitz der Stadtverwaltung, die seit Jahren auf einen Neubau wartet. Als städtische Galerie hat der Altbau eine neue Aufgabe gefunden. Bleibt zu hoffen, daß auch in Zukunft - wie es der Architekt Claus Mehs vor dem großen Erweiterungsbau von 1922 formulierte - das Rathaus im Stadtzentrum als Bürgerhaus seinen Sinn behält.

 

Vom Wittlicher Rathaus von M. J. Mehs

Rathäuser sind von jeher steingewordene Zeugen und Rufer der Freiheit, der Eigenständigkeit und Selbstverwaltung einer Stadt gewesen. In ihnen findet der Bürgerstolz und die Stadtfreudigkeit, die urbanitas, ihren beredtesten Ausdruck. In den frühesten Zeiten wurden die Sitzungen, die Gerichtstage, die Things im Freien abgehalten, auf einer Wiese, auf erhöhten Plätzen, unter mächtigen alten Bäumen. Für Wittlich wird ein solcher Gerichtsplatz auf der kleinen Anhöhe gegenüber dem erzbischöflichen Hof an der Karrgasse, also dort, wo die Sankt-Markus-Kirche sich erhebt, urkundlich ausgewiesen. Später verlegte man die Beratungs- und Gerichtsstätten in offene Hallen, wozu jedermann Zutritt hatte. Das Wittlicher Rathaus, kurz nach 1650 erbaut, hatte da, wo im vorderen Raum des Erdgeschosses heute die Stadtkasse untergebracht ist, eine solche offene Halle, und es ist auch anzunehmen, daß sein Vorgänger ebenfalls im Erdgeschoß nach dem Markt hin geöffnet war. Ähnliches begegnet uns im Bernkasteler Rathaus, in der Steipe zu Trier und besonders ausgeprägt im Dingstuhl zu Echternach.

Vom ältesten Wittlicher Rathaus liest man zum ersten Male in einem alten Gerichtsprotokoll aus 1647, das besagt:
"Am 6. April, 3 Uhr nachmittags, ist durch eine an der Mauer des Thiergartens, wo ein Theil des Bachwassers durch die Mauer fließt, befindliche Pulvermühle eine Feuersbrunst entstanden, durch welche die Pfarrkirche, das Churfürstliche Schloß, Hospital, Rathaus, Pforte, Stadtthore und zwei Drittel bürgerlicher Wohnungen samt Scheunen und Stallungen in unerhörter Geschwindigkeit abbrannten."

Dem Brande war also das alte Rathaus zum Opfer gefallen. Obwohl die schreckliche Zeit des Dreißigjährigen Krieges soeben zu Ende gegangen war und die Bevölkerung in allen Teilen des Trierer Erzstifts an allem darbte und litt, machte man sich doch sogleich an den Wiederaufbau. Der neue Kurfürst Karl Kaspar von der Leyen griff der Stadt helfend unter die Arme. Ein neuer Baustil hatte sich bereits vor dem Kriege allenthalben durchgesetzt, die Renaissance, und Wittlich darf sich rühmen, in seiner jetzigen Rathausfassade eines der schönsten und eigenwilligsten Denkmäler jener Bauepoche zu besitzen.

Auf wuchtigen Quadern und kräftigen Halbsäulen mit gitterartigen Zieraten entfaltet sich, die Wandfläche weiter senkrecht aufteilend, ein reichgegliedertes Pilasterwerk als Rahmen für acht gutprofilierte Fenster des alten Ratssaales. Man wäre berechtigt, diese Architektur des Erdgeschosses und oberen Stockes als reine Renaissance anzusprechen - überraschende Anklänge finden sich am ehemaligen Kurfürstenpalais am Konstantinplatz in Trier -, wenn sich nicht in Höhe der Dachtraufe mit Schwung und Kühnheit ein prachtvoller Barockgiebel auf das Säulenwerk türmte und dadurch dem Kunstkenner andeutete, daß der Höhepunkt der Renaissance bereits überschritten und ein neuer Stil im Entstehen begriffen war. Eine Muschelnische mit dem heiligen Rochus, den die Bürgerschaft in den Pestjahren des Krieges zum Beschützer sich erkoren, gibt dem Giebel einen passenden Inhalt. Zwei mächtige, schneckenartig aufgerollte Bänder fassen seitlich die Nische ein. Darüber lugt noch ein Ochsenauge aus der ·Wandfläche heraus. Und auf das Ganze steigt ein kecker, lustiger Dachreiter mit fein modelliertem Helm und macht das Rathaus zum beherrschenden Gebäude am Marktplatz. Im Dachreiter hing die Bannglocke, die zu Gerichts- und Ratssitzungen einlud, auf deren Schall sich auch sonst, wenn etwas von Belang zu verkünden war, die Bürger innerhalb des Stadtbannes sich zu versammeln hatten. Bemerkenswert an der reizvollen Stirnseite des Rathauses ist, daß überall das bodenständige Wittlicher Handwerk erkennbar wird, sei es in den Ornamenten, in Fratzen, sei es in den Pilastern oder Gesimsen. Wenn auch wahrscheinlich von einem bedeutenden, leider unbekannten Architekten entworfen, so ist das Rathaus doch von schlichten, tüchtigen Vertretern der ortsansässigen Steinmetzzunft, deren begabteste die Gebrüder Wolff waren, ausgeführt worden, ein Beweis für das Können und den Mut des einheimischen Gewerbefleißes.

Wie gesagt, war der vordere Raum des Erdgeschosses ursprünglich offen und wurde, nachdem man die Sitzungen ins Innere verlegte, als Markthalle benutzt. Von hier aus schritt man rechter Hand an der Brandmauer vorbei durch einen schmalen Gang in das hintere Höfchen, wo dann gleich linker Hand der Haupteingang zum Rathaus war. Durch ein schmuckes steinernes Tor im Renaissancestil gelangte man ins Treppenhaus. Der Türsturz dieses Eingangs, heute an derselben Stelle eingemauert, zeigt eine eigenartige Wappenverbindung: das kurtrierische Kreuz mit dem Leyenschen Wappen als Herzschild, darunter quergelegt einen Stadtschlüssel, was wohl so zu deuten ist, daß Kurfürst und Stadt sich in die Baukosten geteilt haben. Daß ausgerechnet an dieser Stelle der Eingang lag, läßt den Schluß zu, daß dazumal die Neugasse noch nicht angelegt war.

Im Innern trat man links durch eine Tür ins Bürgermeisterzimmer, das, nach einer alten Aktennotiz zu schließen, im Jahre 1750 eine reiche barocke Stuckdecke erhielt. Es ist die Decke im Vorraum der  heutigen Stadtkasse. Die aus dicken Eichendielen verfertigte breite Treppe wand sich in zwei Absätzen um einen gewaltigen vierkantigen steinernen Pfeiler, kaum belichtet, zum ersten Stock, von da in gleicher Weise zum Dachboden empor, wo alte Akten und Gerümpel herumlagen. Der Treppenpfeiler war inwendig hohl und wurde - man halte sich die Nase zu! - seit Menschengedenken als Abort benutzt, dessen Sitzbrett im Dachgeschoß aufgenagelt war. Von da konnte man in die Eingeweide des Treppenpfeilers hinabschauen wie in einen bodenlosen Pütz, eine hygienische Ungcheuerlichkeit. Kein Mensch konnte sagen, daß diese sonderbare Grube jemals geleert worden wäre. Das obere Stockwerk diente übrigens im verflossenen Jahrhundert als Bürgermeisterwohnung. Als Amtszimmer genügte ja das untere Bürgermeisterzimmer für das Stadtoberhaupt und eine Schreibkraft. Später, als die offene Halle Innenraum und aufgeteilt wurde, kamen neben einem kleinen Flur eine größere und eine kleinere Schreibstube hinzu, Bürgermeister Bottler war der letzte, der noch im Rathaus wohnte, bevor er sich auf dem Schloßplatz ein eigenes Baugrundstück erwarb. Vom Treppenhaus führte ein länglicher, schlecht belichteter Flur zum Sitzungssaal, der außer der breiten Fensterseite zum Markt hin an der Neugasse nur ein Fenster hatte. Am Flur lagen noch drei Schreibstuben: an der Brandmauer eine lange, schmale mit ganz wenig Licht vom Höfchen her und zur Neugasse zwei kleinere mit je einem Fenster. Das ganze Haus hatte in der Mitte der Straßenfront nur einen Schornstein, auf den sämtliche Ofenrohre zuliefen.

So stand das alte Rathaus bis 1922. Das Anschwellen des Verwaltungsbetriebes machte mit der Zeit eine Erweiterung notwendig. Schon 1907 schwebte ein Umbauplan, der sich aber wegen drängenderen Aufgaben zerschlug. Nach dem ersten Weltkrieg, also zu einer Zeit, die mit jener nach dem Dreißigjährigen Krieg um 1650 durchaus vergleichbar war, da das Rathaus erbaut wurde, beschloß der Stadtrat auf Vorschlag des Bürgermeisters Neuenhofer einen durchgreifenden Um- und Erweiterungsbau. Es gelangten zwei Entwürfe an die Offentlichkeit, von denen der eine, von Kreisbaumeister Vienken vorgelegt, die Fluchtlinie der Neustraße innehielt, der andere, vom Frankfurter Architekten Claus Mehs, einem Sohn der Stadt Wittlich, eingereicht, einen Teil der Neustraße hinzunahm. Eine Sachverständigenkommission entschied sich für die erstere Grundrißlösung. In der äußeren Gestaltung wurde der Vorschlag des Professors Jahn aus Düsseldorf übernommen, der den das ganze Rathaus betonenden Dachreiter und die Hervorhebung des großen neuen Sitzungssaals durch eine dem Rathausgiebel nachempfundene Dreigiebelfront vorsah. Der Stadtrat beschloß auf Grund dieses Gutachtens den Umbau. Kreisbaumeister Vienken wurde mit der Ausführung betraut. Am 21. Juni 1922 wurde begonnen. Das Portal, im Stil der Marktfassade gehalten, schuf der Trierer Bildhauer Heinrich Hamm. Die ersten Amtsräume konnten im Januar 1924 bezogen werden. Eine Trierer Zeitung äußerte sich über den Umbau also: "Er sollte Zeugnis ablegen von der engen Verbundenheit der Bürgerschaft mit dem kommunalen Leben und seinen Vertretern und wurde ein leuchtender Beweis für die Tüchtigkeit der ortsansässigen Handwerker, des einheimischen Gewerbes."

Die farbige Behandlung der Außenfront und der Innenräume wurde von dem bekannten, leider allzufrüh verstorbenen Trierer Kunstmaler Fritz Quant ausgeführt, der es meisterhaft verstand, dem Rathaus im Stadtbild eine beherrschende Note durch ein warmes Rot und eine wohlgelungene, harmonische Farbenkomposition der Marktfront zu sichern und die innere Raumwirkung so einheitlich und geschmackvoll zu gestalten, daß das Wittlicher Rathaus zu den Sehenswürdigkeiten des Eifellandes zählt.

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