Die Meistermannfenster

Die Meistermann-Fenster im Wittlicher Rathaus

Am Heiligabend 1944 war nach einer Reihe einzelner Bombenabwürfe in den vorangegangenen Wochen das Verhängnis über Wittlich gekommen. Weil die Stadt an der Rollbahn nach Bastogne lag, wohin der Herzstoß der Ardennenoffensive Rundstedts zielte, wurde sie nachmittags gegen 3 Uhr von amerikanischen Flugzeugen mit einem Bombenhagel derart zugedeckt, daß sie in ihren Grundfesten erzitterte. In der Neujahrsnacht wiederholte sich der Angriff. Dutzende von Menschenleben waren zu beklagen. Doch, zum Glück, die Wesenszüge der Stadt haben die Amerikaner nicht auslöschen können. So blieb uns auch das schöne Rathaus erhalten, dessen Fensterscheiben freilich sämtlich zertrümmert wurden.

Vor vier Jahren beschloß der Stadtrat, die großen, mit Drahtglas notdürftig zugenagelten Fenster des Treppenhauses durch gemalte Fenster zu ersetzen. Sie sollten etwas vom Erlebnis des grausigen Zeitgeschehens aussagen und so den nachkommenden Geschlechtern als Mahnung dienen. Professor Georg Meistermann (Köln), dessen Chorfenster in unserer Sankt-Markus-Kirche beträchtliches Aufsehen erregt hatten, erhielt den Auftrag, uns ein zeitnahes Kunstwerk zu schaffen. Bei der ersten Besprechung mit ihm fiel das Wort von der apokalyptischen Zeit, in der wir lebten, und schon griff Meistermann, dem soeben für die Chorrückwand der Sankt-Alfons-Kirche zu Würzburg der Auftrag zur Darstellung der Apokalypse erteilt worden war, das Stichwort auf und schlug für die vier Fenster die vier apokalyptischen Reiter vor. Die Zerstörung Wittlichs sollte zugleich bildhaft angedeutet werden. Meistermann hat seine Aufgabe meisterhaft gelöst. Am Kirmessonntag 1954 wurden die Glasgemälde enthüllt.

Die einzelnen Bilder erklären sich fast von selbst an Hand des Wortlauts der Geheimen Offenbarung. Es heißt da im VI. Kapitel, wo das Lamm das erste der sieben Siegel öffnet, Vers 2:
"Ich sah, und siehe: ein weißes Pferd, und der darauf saß, hatte einen Schießbogen, und ihm war ein Kranz gegeben, und er zog aus als Sieger und um zu siegen."
Und wie hat der Künstler diesen Sieger hingesetzt! Da kommt er über die grüne, schwarze, blutgetränkte Erde hochfahrend auf seinem Roß dahergeritten, das seine Nüstern verächtlich in die Höhe reckt, er, geschmückt mit einem rotdurchwirkten Lorbeerkranz und mit der Rechten übermütig den Bogen schwenkend, der seine Schuldigkeit getan, dem er seine Siege verdankt.

Es sei die Frage erlaubt, was diese Siegergestalt eigentlich versinnbilden soll. Denn in die Reihe der übrigen Reiter, die eindeutig Krieg, Hunger und Tod bedeuten, mag auf den ersten Blick der Sieger eigentlich nicht so recht passen. Man muß doch wohl von der Ansicht ausgehen, daß die vier Reiter vier große Menschengeißeln, vier Erdenplagen darstellen, und dann müßte, soll man meinen, dem ersten Reiter doch ein anderer Sinn zugrunde liegen als der des Sieges. Aber was ist Sieg? Wie wird er errungen? Entweder mit geistigen Waffen, also durch schöpferische Taten und Gründe, die wegen der Durchschlagskraft der Gedanken überzeugen, oder durch Anwendung von Gewalt, durch rücksichtslosen Einsatz äußerer Machtmittel. Der Schießbogen in der Hand unseres ersten Reiters entscheidet diese Frage: Der Sieger ist der Gewaltmensch, er verkörpert also die Macht, von der Jakob Burckhardt behauptet, sie sei das Böse schlechthin auf dieser Welt, eine Ansicht, die durch die dritte Versuchung des Menschensohnes unterstützt wird.

Unter diesem Betracht spricht das erste Fenster eine sehr nützliche und eindringliche Sprache, zumal im Rathaus, also im Gebäude einer Behörde, die auch eine gewisse Macht in Händen hat, wo Tag für Tag an jeden, vom Bürgermeister und Stadtrat bis zum jüngsten Stift, die Versuchung der Macht herantritt, den freien Bürger von oben herunter zu behandeln, ihn kaltschnäuzig abzufertigen, ihn von Pontius zu Pilatus zu schicken, selbstherrlich wie der Sieger, hochnäsig wie sein Roß. Dieses Glasfenster beherrscht den ganzen Treppenaufgang. Es sitzt also genau richtig, um jedem, der irgendwie etwas zu sagen oder mitzureden hat, einzuhämmern, von der Macht, der Gewalt dem freien Menschen gegenüber keinen falschen Gebrauch zu machen. Und auch, wenn mal ein Vertreter der Regierung kommt oder ein General oder wenn sich gar ein Staatsoberhaupt mal ins Wittlicher Rathaus verirren sollte, die Mahnung dieses ersten Reiters dürften sie sich getrost zu Herzen nehmen!

Wenden wir uns nun den drei Fenstern an der Längsseite der Treppe zu. Nach dem Bibeltext öffnet das Lamm das zweite Siegel, und wir lesen im Vers 4:
"Und es kam daher ein anderes Pferd, feuerrot, und dem, der darauf saß, war gegeben, den Frieden wegzunehmen von der Erde, und daß sie einander niedermachten, und es war ihm ein großes Schwert gegeben."
Dem Text entsprechend steht da, mit großartigem Schwung gezeichnet, ein roter Gaul im Fenster, der sich im Wiehern schüttelt und dessen Mähne sich im Sturmwind sträubt, indes der Reiter ohne Gefühl, ohne Überlegung und mit ungebändigter Gebärde ein langes Schwert in die warme, mütterliche Erde hineinstößt, und sogleich quellen aus dem nährenden, friedlichen Boden Ströme von Blut hervor.

Beim dritten Fenster ist das dritte Siegel geöffnet, und die Verse 5 und 6 erzählen:
"Und ich sah, und siehe: ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand, und ich hörte eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar, und mit dem Öl und dem Wein treibt keinen Unfug."
Schwarz ist die Fahne des Hungers, und so hat der Evangelist wie der Maler den dritten Reiter, den Hunger, auf ein schwarzes Roß gesetzt. Ausgemergelt, erhobenen Hauptes sitzt er da und hält der darbenden Menschheit die Waage hin, die alles abzählt, nur nach Gewicht die Lebensmittel zuteilt. Trauben, Ölfrüchte und Getreideähren liegen am Boden, geschickt in den Zwickel des schräg herabgezogenen Fensters hineingepaßt, fast werden sie von den Hufen des Pferdes zertreten, das sich auch vor Hunger zusammenzieht und Futter suchend unruhig um sich blickt.

Zum letzten, tief herabgezogenen Fenster liefert nach Eröffnung des vierten Siegels Vers 8 den erklärenden Text:
"Und ich sah, und siehe: ein fahles Pferd, und der oben darauf saß, dessen Name war der Tod, und das Totenreich folgte hinter ihm, und ihnen war Gewalt gegeben über ein Viertel der Erde, zu töten durchs Schwert und durch Hunger und durch Tod und durch die Tiere der Erde."
Es ist das aufregendste, erschütterndste der vier Glasgemälde. Seines Erfolges sicher, bricht der grünlichgelbe Knochenmann in den Bereich des Lebens ein, der durch das längliche dunkelgrüne Oval in der Mitte des Bildes angedeutet wird, und holpert heran zum unheimlichen Totentanz. In der Rechten schwingt er die blutige Geißel und in der Linken die Sichel und eine mächtige Keule zum Totschlagen. Blutdürstend und blindlings tappt der dürre Klepper nach vorne in den Raum hinein, wo unter ihm Feuerflammen zischen und Bomben niederfallen und zünden, dunkelrot, dunkelbraun, dunkelviolett, dunkelgrau. Und dies gespensterhafte Feuerwerk fällt nieder auf die Stadt Wittlich, aus der hoch die Flammen gen Himmel schlagen. Rathaus, Kirche, Burgtor und die Häuserzeile der Kordel kennzeichnen die Stadt, die der Maler natürlich nur symbolhaft wiedergeben konnte.

So drückt das Gesamtwerk der vier apokalyptischen Reiter das ganze Erlebnis des letzten Krieges aus. Und auch die Schlußworte im Vers 8 finden in den Ereignissen der Kriegs- und Nachkriegsjahre vollauf ihre Bestätigung, wonach das Totenreich - im griechischen Urtext steht das Wort Hades, das heißt Unterwelt - auf die Menschheit losgelassen ist, in allen Erdteilen seine Opfer fordernd, sei es durch Schwert - das ist der zweite Reiter -, sei es durch Hunger - der dritte Reiter - oder durch Tod - der vierte Reiter - oder durch die Tiere der Erde, und dazu gehört auch der Mensch, wenn er zum Raubtier wird, zum Gewaltanbeter, der, vom Machtrausch besessen, von Sieg zu Sieg getrieben wird - und das ist der erste Reiter.

Nach oben