Die apokalyptischen Reiter

Austellung im Treppenhaus
    
Stets sieht sich der Mensch unerbittlichen Gegenkräften seines Lebens gegenüber: Krieg, Krankheit, Hunger und Tod. Die anthropomorphen Personifizierungen existenzieller Bedrohung sind die vier apokalyptischen Reiter.

Diese vier Reiter erwähnt die Bibel im 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes als Boten der nahenden Apokalypse, des Weltunterganges. Die Motivation für die Darstellung dieser Bildthematik findet sich naturgemäß explizit in Krisenzeiten. Thema dieser religiösen Literaturquelle sind die Deutung des Weltlaufs und die Prophezeiung des Weltunterganges, bzw. darauf folgend die Erschaffung eines himmlischen Jerusalems. Die Apokalypse zeichnet sich durch eine besonders bildstarke und visionäre Sprache aus. Zu Anfang bricht ein schreckliches Strafgericht in Form furchtbarer Naturkatastrophen über die Menschen herein. Später dominiert den Text der elementare Kampf zwischen guten und bösen Mächten. Schließlich sieht Johannes in seiner letzten Vision einen neuen Himmel und eine neue Erde, die im Motiv des himmlischen Jerusalems zu einer Einheit verschmelzen.

Im letzten Buch des Neuen Testaments wird dem Verfasser in einer Vision des himmlischen Thronsaals (Offb. 4-5) mitgeteilt, dass weder ein Mensch noch ein Engel, sondern nur ein Lamm für würdig erachtet wird, das mit sieben Siegeln verschlossene Buch zu öffnen. Der Ausdruck Lamm ist für die Offenbarung entscheidend, es ist der bedeutungsvollste Titel Christi. Nun beginnt das Lamm mit seiner zentralen Aufgabe, der Öffnung der Siegel (Offb. 6). Auf den Ruf „Komm“ erscheint jeweils ein Reiter, der die Menschheit mit seinen Heimsuchungen bestraft. Entscheidend ist der Wille des Lammes die apokalyptischen Reiter herbeizurufen. Dies dokumentiert ihren göttlichen Auftrag für die nun folgenden Katastrophen und Schicksalsschläge.

Die Darstellung eines Codex aus dem 15. Jahrhundert der Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 34, fol. 050r) zeigt Johannes bei der Öffnung der Siegel, und die ersten beiden herbei gerufenen apokalyptischen Reiter; sowie die Öffnung des zweiten Siegels mit dem Erscheinen des zweiten apokalyptischen Reiters.

Die Umsetzung des Textes in fest gefügte Bildformen entwickelt sich bereits in der Kunst des Mittelalters und der Neuzeit. Einzelne, leicht fassbare und ansprechende Visionen erhalten früh ihren festen Platz in der einheitlichen Auslegung der Theologen und daher auch in der Symbolik der Kunst. In der Plastik, sowie in der Monumental- und Tafelmalerei des späteren Mittelalters und der frühen Renaissance finden die Motive der Apokalypse rege Verwendung. Das eigentliche Feld der künstlerischen Behandlung der Apokalypse ist im Mittelalter die Buchmalerei und seit der frühen Neuzeit der Holzschnitt. Vor allem bestimmte Albrecht Dürers (1471 -1528) wegweisende Bildphantasie unsere Vorstellungen der Motivgestaltung.

Das Thema der Hinfälligkeit der menschlichen Existenz, der Unentrinnbarkeit sinnloser Gewalt und des grausamen Todes sind spätestens seit Martin Luther (1483 -1546) das zentrale Motiv der Thematik.

Dürers spezielle Errungenschaft ist es, für den Betrachter eine Umsetzung des Textes zu visualisieren, welche die himmlischen Ereignisse für ihn glaubhaft und authentisch veranschaulicht - zweifellos ein Markstein in der Apokalypsen-Ikonographie. Seitdem betrachten wir die Thematik der Apokalypse mit seinen Augen.

Die Zeitlosigkeit des apokalyptischen Motivs veranschaulicht insbesondere die Wiederaufnahme der Adaption des Themas durch die Expressionisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) schafft einen Zyklus von aquarellierten Federzeichnungen auf der Rückseite von Zigarettenetiketten. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf dem das Weltende begleitenden Katastrophen. In den Jahren 1941 bis 1942 kreiert Max Beckmann (1884-1950) im Exil in Amsterdam eine Folge von Lithographien zur Offenbarung des Johannes mit dem Titel «Apokalypse». George Grosz (1893-1959) gestaltet 1936 seinen apokalyptischen Reiter in grafischer Form. Bereits seit der Reformation im 16. Jahrhundert werden die apokalyptischen Motive wegen ihres allgemeinen symbolischen Inhalts zur Darstellung und Illustration zeitgenössischer Ereignisse genutzt. Diese Entwicklung setzt sich bis ins 20. Jahrhundert und durchaus auch bis in die Gegenwart fort.

Interessant ist es, sich bewusst zu machen, dass der apokalyptische Basistext durchaus verschiedene Einzelthemen beinhaltet. Der Fokus muss nicht obligatorisch bei den zerstörerischen Elementen der vier Reiter liegen, aber Georg Meistermann hat diesen Schwerpunkt gewählt. Sein Augenmerk liegt somit nicht im Bereich des Trostes des himmlischen Jerusalems oder der Majestas Domini, sondern visualisiert die Vernichtung der Erde und verleiht damit der Vergangenheit und der Gegenwart einen spezifisch bedrohlichen Aspekt. Er verweist auf die strukturellen Probleme der Zeit, geprägt vom Bewusstsein um den Zerfall nicht nur der politischen, sondern auch der geistigen und religiösen Basis.

Die ehemaligen Fenster des Alten Rathauses in Wittlich werden gegen Ende des Jahres 1944 durch amerikanisches Bombardement zerstört, wobei das Rathaus allerdings insgesamt erhalten bleibt.

Einige Jahre nach dem Krieg wird vom Stadtrat der Beschluss gefasst, die notdürftig zugenagelten Fenster im Treppenhausbereich durch Glasmalerei zu ersetzen. Der Auftrag geht an Georg Meistermann, der bereits durch seine Bearbeitung der Chorfenster in der örtlichen St. Markus Kirche in aller Munde ist.

Gemeinsam verständigt man sich darauf, die Thematik der Fenster als Erinnerung an die furchtbaren Kriegszeiten und Mahnung für zukünftige Generationen zu nutzen. In diesem Zusammenhang schlägt Georg Meistermann das religiöse Thema der Apokalypse des Johannes vor, ewig zeitlos und als fortwirkende Mahnung. Verschiedene Motive illustrieren seit Jahrhunderten diesen Themenkomplex. Meistermann präferiert, wohl auch aufgrund der vier leeren Fensterlaibungen, die vier Apokalyptischen Reiter. Formal gestaltet er die Motive mittels der Bleiruten, die filigrane Ausführung der Zeichnung erzeugte er durch die Verwendung von Schwarzlot und mit Hilfe der vielfarbigen Glasgestaltung. Meistermann emanzipiert die Glasmalerei gegen Ende der vierziger Jahre vom tradierten Farb- und Formenkanon und führt sie einer neuen Form zu. Grafische Vorstudien entstehen im Maßstab 1:1 auf Packpapier und anderen Kartonagen.

Die Öffentlichkeit kann bereits am Kirmessonntag 1954 die fertiggestellten
Fenster bewundern.

Nach oben

Die Fenster

Der Sieger – Der erste Reiter

Der erste Reiter wird bis ins 16. Jahrhundert als König der Könige gedeutet, der zum Weltgericht wiederkehrende Messias, Christus selbst. Entscheidend für diese Auslegung ist wiederum die Textquelle der Offenbarung des Johannes (19, 11-16).

Für die Symbolik des Pferdes ist seine Farbe ausschlaggebend. Das weiße Pferd gilt bereits auf der Basis der antiken griechischen Mythologie als Lichtbringer. Der Schimmel ist traditionell ein Sonnensymbol, das für Licht und Leben, aber auch insbesondere für geistige Erleuchtung steht. Stets wird es mit positiven Assoziationen in Verbindung gebracht. Martin Luther (1483-1546) ist der erste Interpret, bei dem sich nachhaltig eine negative Auslegung des ersten Reiters findet. Äußere existentielle, kriegerische Einwirkungen sowie der 1498 von Albrecht Dürer (1471-1528) publizierte erste Grafik-Zyklus, eine Holzschnitt-Folge mit Darstellungen aus der Apokalypse, bestimmten nun die Auslegung des Bibeltextes. Die negative Deutung teilen ebenso die meisten Exegeten im 19. und 20. Jahrhundert.

Der Krieg - Der zweite Reiter

Die rote Farbe des zweiten Pferds symbolisiert das Blut und den Tod durch
den Krieg. Während das vom Reiter geführte Schwert mächtige Kriegswaffen
und letztendlich Gewalt an sich darstellt.

Der Hunger – Der dritte Reiter

Die schwarze Farbe des dritten Pferdes verdeutlicht die Plagen Tod und
Hunger. Sein Reiter führt eine Waage mit sich, um die Gefahren von Nahrungsmangel, Inflation und Hunger besonders zu vergegenwärtigen.

Der Tod - Der vierte Reiter

Das vierte Pferd mit dem Gevatter Tod als Reiter bedeutet Furcht, Krankheit,
Niedergang und Tod. Die Reihenfolge erfolgt gemäß der Angabe des
Propheten Sacharja Kapitel 1 bzw. 6.

Nach oben

Nach oben